Schreibwerkstatt im englichen Geisterhaus
 
 
Eine Reise nach London und anderen englischen Geisterhäusern

Sagenumwittert und 1000jährig wartete im Süden von England das unglaublichste Haus der Insel auf ein Wochenende mit neugierigen Gästen aus Deutschland und England. Das Wochenende wurde umrahmt von kulturellen Tagen in London und Bath, Gesprächen mit Einheimischen, Führungen und einer Literaturwerkstatt. Ein unvergessliches Erlebnis für die teilnehmenden Künstler, Literaten, Journalisten, Englandfans und andere aufgeweckte Zeitgenossen.
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       Zugluft
Von Roland Lohmann

Das Haus dienert. Duckt sich unter den Gehsteig, weicht zurück von der Straße. Die fällt steil aus dem Dorf, fängt sich auf der Grenze, über dem Bach.

Das Dorf dient. Schlafbaum, Schlafratz, Hinterland. Kinder steigen bei Mondschein auf die Hügel, schauen hinab auf die Sterne, Hafen und Stadt am Avon, Schiffe hell auf schwarzem Meer.

Das Dorf am Abhang, das Haus auf der Schwelle. Kanten bröckeln. Müll lehnt an blassen Wänden. Müde, gereizt, auf der Schneide : spooky, dirty, The Ram-under-Edge.

Ein Nachbar im gelben Fenster hebt den Feldstecher - deutsche Optik, Zeiss, Jena -, zählt Dosen und Plastiksäcke unter den kahlen Bäumen, sucht Mäuse, Ratten zwischen blauen Tonnen, im Stapel aus Bierkästen und Holzkisten, zählt auch Besucher, notiert Namen, Zeiten. Zeichnet das Gesicht des Japaners. Die beiden Mädchen, weich, schwer, fließen träge. Ohio, Mississippi treiben über den Hof, versickern im Haus.

Sie bleiben. Essen weißes Brot, belegt mit Gurken, trinken grünen Tee. Nachteulen. Helle Stimmen werden leiser. Kein Whisky, keine Zigaretten. Nur süßes Wasser und grüner Tee. Ohio, Mississippi. Ihre Hände sprechen, schweigen. Klamm. Schlaff. Melancholisch bis in die Fingerspitzen. Schwimmen über Risse, Höcker, gelbgrau und grob in Korn und Narben. Eine Mauer, übersät mit Pickeln. Kantige Brauen, krumme Nasen. In den Poren wächst etwas. Etwas kaltes, feuchtes, haariges. Es will nicht berührt werden, zieht sich zusammen, zurück.

Niemand erzählt. Die Wände rücken näher. John streicht über seine langen Haare. Ohio zeigt Mississippi ein Foto. Johns Hände greifen, streicheln eine junge Katze. John ist fern, atmet ruhig. Das Pub ist geschlossen, seit Jahren. Das Haus dient nur noch heimlich. Im Verborgenen. Gäste kommen wieder. Einige nach Jahren, Jahrzehnten. Sie kommen aus diesem, aus einem anderen Jahrhundert. John steht hinter dem Tresen. John schläft in seinem eigenen Zimmer, bedient die Gäste in seinem eigenen Traum.

Niemand erzählt. Niemand zeigt sich, tritt, fällt aus den Wänden. Sein Schatten gleitet. Über den Spiegel, über den Körper im Sessel. Steif und schwarz, wie einst im Beichtstuhl. Das Seil fiel herab. Vom Hals auf die Lehne, die Knie. Hanf auf Fleisch und Stein, zerfranst, zerschnitten zwischen den Füßen, küsste den Boden, den heiligen Raum.

Niemand im Spiegel. Steht im Fenster. Die Luft trägt, pflanzt fort, ist Moder, Kälte, Ekel tropft aus Wörtern. Sätze lösen sich auf, wachsen, fließen ineinander schmelzen Bilder. Formen Körper kehren wieder. Zwei Mönche gingen auf und ab. Vor dem Kamin, den Betten führten sie Gespräche an langen Ketten. Rosenduft stieg aus wortreichen Kutten. Dürre Finger, matte Perlen. Gebete, unterwegs zum Fenster, schweben zur Tür.

Atem, Wölkchen über den Kissen. Nussschalen. Auf den Dielen, vor den Betten. Strategisch verteilt, auch auf der Treppe. Pure Vorsicht. Trotzdem kein Schlaf.

Grüner Tee, kalt im Becher. Mississippi. Braunes Wasser trinkt Ohio. Müd, nicht stumm, in ihren Betten. Vorbei ziehen die Ufer, fließen die Wände. "Wie weich der Stein." - Niemand geht auf den Dielen, zertritt die Splitter, die dunklen Schalen. Licht brennt. Kälte in Worten, Köpfen, kriecht aus den Spalten in Decke und Boden. Zugluft. Haucht, formt, streicht Füße, Waden, spielt kühl, wird Hand, ist fest und fort.

Ohio im Sessel. Mississippi im Fenster. Im Hof schläft Tauwerk. Reifen, Fässer, endlich Krähen. Die erste schwarze, weißgefleckte, nicht mehr grau-in-graue Katze - läuft, starrt streng zum Haus, zum gelben Fenster. Schleicht zum Bach. Kein zweiter Blick, kein Laut.

Welt wird. Hell und laut mit Krähen und Glocken.

Rauch steigt. John geht über den Hof, verschwindet beim Abtritt. Die Luft bei offenem Fenster - eine ganz andere Kälte - riecht nach Schnee.