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Ein Lebensläufchen


Kurzbiographie für Isa Schätzle, Freiburg

Isa Schätzle, geboren 1976 auf der Schwäbischen Alb.

Europasekretärinnenausbildung.

Ein Jahr lang "täglich-Brot-verdienen" in der Touristik.

Momentan Studium der Germanistik und Romanistik in Freiburg i. Br.

Verstreute Veröffentlichungen in Zeitungen und Zeitschriften.

Im Frühjahr 2000 erscheint im Verlag "de scriptum" als Buch Nummer 12 der bibliophilen Reihe "Passagen" ein Band mit Kurzprosa und Lyrik.

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Texte

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Eine Groteske

So eine mit einem langen roten Mantel mit Pelzbesatz, knautschigen Samthüten und einem gelben Mary-Poppins-Entenkopfschirm. Mit einem Madonnengesicht, goldblondem Haar, prall-fester Molligkeit und immer einem verwirrten "Wiesooo?", von dem die Stirn - durchs Augenbrauen-gen-Himmel-ziehen - schon tiefe Querfalten hat.

So eine hat mich gefragt, bei einem der nie-unter-45-Minuten-Anrufe, ob sie, weil von hölzernen Theologiestudenten mit Ziegenpeterbinde um den Kopf aus dem Wohnverhältnis geklagt, nicht ein oder zwei Kisten in meinen Keller...und die letzte bettlose Nacht vielleicht bei mir...wenn es denn keine Umstände mache und abholen am besten nachts.

So eine, die in der Bibliothek nie unter 150 Büchern leiht, weil das Nötigste in Reichweite drapiert sein muß, so eine, die immer bekocht und bebackt - mürbe Kuchen in Bären-, Eulen-, Katzen- und Phantasieformen und rezeptlos großzügig nicht in Zehen, sondern Knollen rechnet beim Knobi und den bevorzugt in grüne, gelbe, rosane und rote Pasten steckt mit irischem Brot und Kebabgewürz aus'm Asienladen und die aufpassen muß, weil durch Benützung eines Messers der Holztheologen ihr Fall vor Gericht wieder aufgerollt werden könnte und ihr Anwalt, der wegen barbusiger Frauen nach Berlin zu den Technojüngern fährt, hat jetzt eine schwangere Ostpreußin, solange muß die Gerechtigkeit warten.

Wegen so einer also fahre ich jetzt durch die Nacht mit einer fett-triefenden Bratpfanne voll Mungobohnen an Krabbenchips, die sich gefährlich auf der ersten autofüllenden Ladung Kistenkram hin- und herbewegt und raune unaufhörlich warum? und spreche mit der imaginären Stimme meiner Mutter in Stereo: noch viel lernen müssen, Nein-Sagen-lernen, aber nein, ich kann nicht an einen Waldrand fahren und diese furchtbaren Sachen samt Krabbenpfanne aussetzen und mein Türschild ändern und nie wieder aufmachen wenns klingelt, denn ich weiß keinen Waldrand und habe auch keine Leine, um sie, im pelzbesetzten Mantel, dann an eine Leitplanke zu binden und ich hätte das Winseln nicht ertragen und das, obwohl ich auch Hunde nicht leiden mag.

Die zweite Fuhre macht dann aus meiner beherrscht-verlogenen Wohlwollenheit, die dick aufgetragen das Schlimmste verhindern sollte, eine handfeste Wut, weil das Zimmer nicht annähernd geräumt oder geputzt ist und sie doch von "kurz-abholen-und-zwei-Kisten-unterstellen" gesprochen hat. Und obwohl ich gedanklich noch mit der Bratpfanne an den roten Ampeln fluche und sie über "Originalität hat ihren Preis" referiert, was mich einer Explosion sehr nahe bringt, sammle ich ausatmend-meditierend Büroklammern, eine Bürste, Ohrringe, nikotinfreie Zigaretten, eine grüne Plastiktasse, Disketten, Gummiringe, Muscheln, Magnesium- und Baldriantabletten und ebensoviele Staubflusen in eine Tüte, schmeiße vorm Auto eine Flasche Bier in die wütend-hinter-Vorhängen-linsende Nachbarschaft, beschwöre "ich hätte es wissen müssen" und lasse mir beim Verstauen der Kisten Streichhölzer, Reißnägel, Kugelschreiber auf den Kopf rieseln, verliere den Kellerschlüssel und die Geduld und fluche auf diesen Hanswurst von Verehrer Nr.2, der über die Postmoderne und seine so unglaublich spannende Person reflektiert und statt sie nur anzugraben einen Finger hätte krümmen können und der sich auch noch zum Frühstück eingeladen hat und mir Küßchen aufdrückt gleich neben die Mundwinkel, wofür ich ihn keines Blickes würdige während zwei Wasserweckchen und aus Bosheit die Mungobohnen mit Fettkrabben in Alu packe und das in seine Jacke. Er fragt dann auch tatsächlich, was ich eigentlich gegen ihn hätte, und ich bleibe stumm, denn es spricht nicht ein Punkt für ihn, es fällt sogar schwer, ihn nicht zu erwürgen, obwohl er uns teilhaben läßt an der nächtlichen Traumwelt, die durch Twin Peaks gestern abend erst so richtig angeregt wurde...und die enthusiastischen Begeisterungsgefühle für die noch leerbäuchige rotbemantelte Madonna hätten sich nach der Episode des Vorabends neutralisiert, was sie ungerührt zur Kenntnis nimmt, nach nur zwei Stunden Schlaf ist sie, die einen Stapel Bibliotheksbücher bei mir zurückläßt und sich nachts halb vier noch entrüstet hat, weil ich einen zeitgenössischen französischen Philosophen nicht kenne, sie, ist heute gefügig-lächelnd über all die Gemeinheiten, die ich mir nicht verkneife und spät dran, für ihren Zug fünf vor acht.

 

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Für Karlson


Mein Freund hat ein Haus. Mit Rissen. Und der Putz bröckelt ab.

Und bei Sturm segeln Ziegel vom Dach.

Seine Katze heißt Mamasitta, die schläft in der Küche, beim Herd, in dem ein Feuer brennt.

Auf dem Wasser kocht, für Kaffee, wenn ich komm'.

Der sagt nicht viel, mein Freund. Der rührt die Milch mit'm Schneebesen schaumig

und lacht durch kugelrunde Brillengläser.

Die Freunde von meinem Freund sagen, er habe es gut.

Vielleicht motzt er einfach nicht so oft wie wir.

Am Telefon sagt er immer fast gar nix - er ruft trotzdem manchmal an.

Er arbeitet lieber nur am Morgen, mein Freund. Am Mittag sitzt er vor die Türe, vor sein Haus, in die Sonne, falls sie da ist und macht die Augen zu. Dazu trinkt er meistens Kaffee, streckt die Füße durchs Treppengeländer und wenn er nicht gerade mit dem Rauchen aufhört, raucht er eine Zigarette, oder viele.

Die Milch für die Katze und den Kaffee holt er beim Bauern, das ist nicht weit. Und im Sommer fährt er mit seinem Rad und einer Sense über der Schulter zu einer Wiese, die er dann mäht, weil sie ihm gehört und die Apfelbäume auf der Wiese auch, samt Äpfeln, falls es welche gibt.

Wenn ich ihn besuche, kann ich mit in seinem Bett schlafen, oder in der Hängematte im Wohnzimmer, aber das ist mir zu schaukelig.

Die Nachbarn sind nett, sie finden meinen Freund "komisch" oder alternativ, manche unanständig. Wenn ich gehe, küß' ich ihn unter der Tür, damit sie was zu reden haben.

Einer, will meinem Freund das Haus anmalen, ganz kostenlos, wegen dem "Straßenbild". Mein Freund sagt, sein Haus sei wie er: mit Rissen und Falten. Das dürfe man sehen.

Er möge sein Haus.

Ich mag ihn auch.

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