Zurück zum LiteratenOhr
.
.
Katharina Rist studierte in Darmstadt Religionspädagogik, danach in Frankfurt, London und Freiburg Germanistik, Anglistik und Theologie. Vormals in Freiburg lebend, wohnt die freie Schriftstellerin und Erwachsenenbildnerin vorwiegend in transitorischen Räumen, insbesondere in Zügen.

.

Publikationen von Katharina Rist

Wissenschaftliche Publikationen

.

Monographie:

- Gedächtnisräume als literarische Phänomene in den Kurzgeschichten von Elizabeth Bowen. (Diss.) Epistemata Literaturwissenschaft, Bd. 251. Königshausen & Neumann, Würzburg 1999. ISBN 3-8260-1535-5.


Den Gedächtnisraum als spezifisch literarisches Phänomen zu definieren, fordert den gestaltenden Blick des Lesers. Um so mehr seine Imagination den vom Erzähler vorgeführten Raum verfehlt, um so interessanter ist die Analyse des Überschusses, der beweist, daß phänomenologische Theorie und literarisches Phänomen niemals zur Deckung kommen. Umkreisung des Unsagbaren bzw. der transitorische Aufenthalt kurz vor der Schwelle verbindet Phänomenologie und Literatur.

Die enge Verknüpfung von metaphorischen und realen Räumen des Leibes, der Lektüre und des Gedächtnisses werden in den Kurzgeschichten der anglo-irischen Autorin Elizabeth Bowen (1899-1973) evident, während Phänomenologie als 'diskursive Vorstufe' immer zu spät kommt. Sei es, um die Wirkung des Leibes in flagranti zu ertappen, sei es, um Phänomene in literarischen Texten zu entdecken: Leibes- und Textgeschehen ist immer schon vollzogen. Letzlich hat die Literatur der Phänomene und die 'phänomenale' Literatur zumindest zweierlei hervorgebracht: den Phänomenologen als Zeichenleser und den Literaturwissenschaftler als Betrachter dessen, was sich in Papier und Materie längst 'eingeschrieben' hat, bevor es ihm 'widerfährt'.



Aufsätze und Conference Paper:

  • "Gedächtnisraum als Palimpsest." Laudatio zum Anlaß der Vernissage von
  • Klaus Thanau. Wachenheim 1995.

- "Besessenheit von Raum, Blick und Leib, exemplifiziert an moderner Literatur."

Kongressbeitrag bei "Culture-Sign-Space". Amsterdam 1996.

- "Die Fiktionalität des Meeres." In: Semiotische Reihe. Hrsg. v. Peter Jansen. Jansenverlag. Lüneburg 2000.

- "Phänomenologie der Leiblichkeit und Leiblichkeit der Literatur." Hrsg.v. Michael Großheim. In: Phänomenologie und Kultur. Kiel 1999.

- "Ruinen der Erinnerung- Erinnerung als Ruine." Darmstadt 1999.

  • "Gedächtnisräume als literarische Phänomene." Kongreßband der DGS,

Dresden 2000.

Erwachsenenbildung:

- Und die Sprache war Wüste und Öde. Auf der Suche nach einer unverbrauchten, religiösen Sprache. Organisationsmodelle kirchlicher Erwachsenenbildung (OKE 31). Hrsg.v. der Arbeitsstelle für Erwachsenenbildung der EKHN. Darmstadt 1995.

- Zer-Setzungen. Arbeitshilfen zur EKD-Studie Gestaltung und Kritik. Zum Verhältnis von Protestantismus und Kultur im neuen Jahrhundert. (Frankfurt/Hannover 1999). Hrsg. u. eingel. v. Katharina Rist. Organisationsmodelle kirchlicher Erwachsenenbildung. Arbeitsstelle für Erwachsenenbildung der EKHN. Darmstadt 1999.

Übersetzungen:

Wissenschaftliche Übersetzungen vom Deutschen ins Englische (Phänomenologie und Altern. Frankfurt 1995.) und vom Englischen ins Deutsche (Diskursive Räume der Photographie/Rosalind Krauss. London 1993.)

.

Professoren im Kühlschrank und Nasensammler bei der Arbeit
Sie sind eingeladen, bei Rotwein und zarten Käseknöpfen, eine Nasen-sammlerin bei der Arbeit zu beobachten, einer einbrüstigen Frühstücksgemeinde beim weihevollen Verzehr eines Riesenrettichs zuzusehen, einen Mann zu bedauern, der sein wichtigstes Körper-teil verkauft hat und liebestolle Priester beim Körpereinsatz zu ertappen. Und lassen Sie sich ganz ein auf noch etwas mehr Rotwein und noch zärtlichere Knöpfe, da sehen Sie auch schon den dem Professor enteilenden Wanderbusen auf der Flucht, um sich mit dem im Maulwurfshügel verschwindenden Aristoteles zu paaren. Die Geburt des Professors wird Sie dann vollends überzeugen, dessen lüsterne Glatze im Winde vergeht, bevor er - die Tasche voll mit Reise-schweinen - mit einer Studentin im Kühlschrank eingefroren wird, und sich - unverhofft - , im geschmolzenen Käsesandwich der Katharina Rist wiederfindet.
ISBN 3-920606-16-7
Preis 20,- DM, zzgl. 4,- DM Porto/Verpackung. Bestelladresse:
Dr. Katharina Rist/ Theodor-Heuss-Str. 7/ 67157 Wachenheim oder per Fax an: 06322/989899.
.

Literarische Publikationen:

PuddingPriesterProfessoren. Reihe: Wortschätze. Bogenverlag Darmstadt 1996.

ISBN 3-920606-16-7.

Weihnachtsgeschichten. In: Jahrbuch für Erotik. Hrsg.v. Claudia Gehrke. Konkursbuchverlag Tübingen 2000.

"Laß mich als Lyrikschatten Dich begleiten, Stadt." In: Lebenswelten Erwachsener. Zweites Gemeindepädagogisches Symposion. Hrsg. v. K. Foitzik. R. Degen, W. E. Failing. München 1994.

Veröffentlichungen im Rundfunk:

01/92 Weltohren. In: Studio für Literatur. Hessischer Rundfunk.

03/92 Lyriklesung. In: Die Deutschstunde. Herne 8.

In Ausstellungskatalogen:

  • Gedichte in Raum und Sprache. Soz. Vereinigung. Darmstadt 1990.
  • "Karpfenaugen der Vorstadt". In: Son et Lumiére.

Hrsg. v. H. Schimeck u. G. Deutsch. Wien 1993.

In Anthologien:

- Gedichte in: Ganz spontan im Nie und Nirgends. Hrsg. v. H.J. Billstein. Goldmann 1987.

- Engl. Gedichte in: Writing on the Wall. Ed. Douglas Dawson. Watford 1993.

- Prosatexte in: Das Leben, die Uni und der ganze Rest. Hrsg. v. H. Kasper. Goldmann 1994.

- Prosatext in: Ich bin jung. Mein Freund heißt Achill. 10 junge Autorinnen. Edition Isele. Hrsg. v. M. Kußmann u. H. Schmidt-Bergmann. Karlsruhe 1995.

- Gedichte im Kulturjournal Berlin, vorgestellt v. Bettina Klamann 01/96.

Kurzgeschichtenpreis Glenfiddich "Die Musen des englischen Professors". Bochum 1994.


.
.

Texte

.

wörter-wasser-wanderung (Katharina Rist. März 99)

Frauen.

Die Frauen waren die kleinen Wichte im Weltall, die nicht gescheit spähen konnten, überall etwas liegenließen und frivol an ihren BH-Stangen rüttelten. Frauen waren immer im Ganzen zu sehen, Männer traten nur als Köpfe auf.

Frauen hüteten daheim das Gehäuse am Herd, wuschen ihre hageren Häute, brüteten aus. Gärtner kamen und gingen, Hutverkäufer, Seifenspender.

Oder die Frauen fuhren fort.

Fort aus den Gehäusen.

Auf der Dreisam zum Bahnhof. Der Fluß fließt mit langsamen und schnellen Worten vorsichtig vorbei an Zarten, schneller werdend schon in der Höhe von Ebnet, um bereits in Freiburg-Stadt im Einerlei von Wort&Geräusch zu verstrudeln, zu zergehen. Die Frau verdoppelt sich in der Welle, der Mann halbiert sich. Der Beginn ohne Kopf, vielleicht waren beim Mann die Beine zuerst dagewesen und mußten auch zuerst gehen. Ohne den Beginn bereits schon ins Vergehen stürzen. Viel Tumult verbirgt sich unter der Schädeldecke, viel Zeigerlosigkeit, so daß die Zeit von allen Seiten ein- und ausfahren kann.

Freiburg Hbf

Die Figuren schlichen aus und ein, wie die aus den Kammern zusammengekrochenen Bilder. Hinaus & hinein. Dem Rand entfliehen. Der deutschen Rinde. Von der Rinde des Landes ins Innere streben, um dort zu mainzeln, zu düsseln, zu dortmündeln und zu kölschen. Freiburg war weder Burg noch frei. Die Stadt, in der die Schnepfen blühen und gedeihen.

Es wanderte.

Und wieder würde das Land aus ihr herausfahren. Der ewige Wunsch, das einmal Geformte wieder freizulassen. Das Minusgefühl, das dem Schreiben hinterherschlich wie das Geborenhaben: Rückwärtsfahren in ein Land, in dem Öde herrschte und dennoch nichts an seinem Ort blieb.

Wenn der Abwesende die Gegenwart mehr ausfüllte als derselbe es anwesend imstande wäre. Das tägliche Neusortiertwerden der Menschen; nach feinsten und gröbsten Unterschieden umstapeln; Trennen von fettigen, faltigen und farbenfrohen Leibern.

IC Freiburg-Karlsruhe

Das Leben als Aneinanderreihung von Zug-Begegnungen. Zum Beispiel der Mann, der seine Leichen in länglichen Koffern per Eilzug in die Hinterpfalz schaffte. Dort wohnte er in einem Haus, in dem überall Truhen aufgestellt waren. Und so sprach der ältere Truhenbesitzer mit ernster Miene zu den Abteilsgästen: Mörder und Ermordete begegneten einander so zufällig, zum Beispiel bei einer Zugfahrt, um dann so selbstverständlich zusammenzugehören, wie die Mutterbrust und der saugende Säugling.

Karlsruhe-Mannheim

Zulange schon hatte sich ein Damenkopf an die Lehne vom Sitz geschmiegt, zulange ragte von draußen der Berg durch die Scheibe, deren Rahmen fehlte.

Der Damenkopf stieß Dösgeräusche aus. Derr Berg zitterte vom Fahrtwind, der Damenkopf leuchtete von dem von draußen einfallenden grünen Schimmer. Wäre die Scheibe nicht, der Damenkopf blühte bereits auf den Bergen droben. In Baden Baden, wo die Maden baden, stoppte um 16.40 Uhr der IC. Die Mitreisenden/Mitessenden klatschten freudig in die Hände über die Abwechslung, als sieben feuchte Maden einstiegen.

Zugfahren macht klug. Das war die letzte Hoffnung der Schaffner. Tatsächlich war es wissenschaftlich erwiesen, daß beim Fahren Geistreserven freigesetzt wurden. Freigesetzt werden konnte jedoch nur bei denjenigen etwas, bei denen der Geist auch auf Reserven zurückgreifen konnte. Mehr muß zu diesem Thema nicht gesagt werden.

Mannheim-Mainz

Sie wunderte sich immer, wieviele Faulenzer sich in der Welt verbargen. Die saßen im Zug und taten nichts. Wippten höchsten mal ein wenig mit dem Fuß und verzehrten säuberlich ihre in Aluminiumfolie eingewickelten Wurstebrote.

Draußen zog der Rhein vorbei. Grau vernebelt floß er wie die Stunden; weder Schlittschuhläufer noch Badende überzogen sein Gesicht. Der Rhein war nutzlos heute, wie die Fahrgäste, die ihre Hinterbacken in die Sitze pressten, als müßten sie eine Form ausbrüten.

Daß heutzutage der IC noch Klos hatte, die nach unten offen waren. Angenehm war es nicht, der Sog, der von unten den Po umwehte, daß das Klopapier windig hin- und her waberte. Und wäre sie nicht von so kräftiger Statur, der Windbraus hätte sie in die ewigen Tiefen auf die Bahngleise geholt.

Das Ein- und Aussteigen hielt die Tage im Zaum. Andere lebten mit der Natur, wurden schwanger und warfen aus zu ihrer Zeit, so daß sich das Jahr von selbst strukturierte. Das Leben von Eisprung zu Eisprung. Und dann geschäftiges Säugen, Haare zählen, Möhrchen kochen und Laufställchen zurechtsägen.

Aussteigen in Mainz

Winterliches Gebräu an den Flußrändern. In den alten Straßen wurden ziellos Figuren begangen, federlose Figuren. Rasierten sich auf der Parkbank bei Flammkuchen & Bier, schwammen im Rhein, auch wenn sie ihn doppelt sahen und sangen Choräle über ihre Federlosigkeit. Die Ränder der Federlosen waren nicht auszumachen, sie schienen in die Straßen hineinzuwachsen. Ein Gelehrter hatte versucht, seinen Körper zu verlassen. Es schlug fehl. Und selbst wenn die Flucht gelänge, was würde zurückbleiben außer einem armseligen Häuflein Geist ein Buchstabengeschwirr und ein paar Tropfen Blut.


EC Mainz-Köln

Jetzt fuhr draußen wieder der Rhein. Den Fluß entlang, Männern in Booten zusehen. Ein Glatzkopf auf einer Brücke. Er springt mit seiner Gitarre hinab. Einbruch der Dunkelheit. Ein Mond, der aufsteigt in die Schwärze, der den Toten beleuchtet, der flußabwärts getrieben wird. Während der Kopf langsam leer wird, bricht der Mond über den Rand, hinein in den Fluß. / Die Loreley fährt vorüber und hebt die Hand zum Gruß.

Ältere Herren auf Damenrädern fahren vorbei und verleihen dem Horizont eine andere Farbe.

Der Ort der Toten verleugnet jeden Tod. Der Versuch, mit dem Zug des Lebens die Ewigkeit einzuholen und in den Innenraum zu bannen.

Das Bilderverbot verbietet eigentlich das, was in Abteilen vollzogen wird, auszussprechen, gar zu beschreiben. Das Fortschreiben des Ichs über den Tod hinaus zeigt, daß sich die Alterierung schon abgespielt hat: im An-Wesen der Waggons, den Särgen zwischen den Welten. Das Aussteigen am Zielort ist kein Beweis dafür, daß man die Überfahrt überlebt hat.

Die wörterlose Begegnung, die sofort, nachdem sie geschehen war, wieder verschwand. In ein Niemandsland ungesprochener Wörter und Gedanken. Als ob sie dort sicher wären. Köpfe voller Skorpione und rohes Fleisch hinter den Masken.

Der Zug ist nur die Haut des Körpers. Auf Gebärden ins Freie reiten.

.