Ohrenmythologie

1. Das Ohr und das Herz

Entgegen der emotionalen Herzmetaphorik heutzutage wohnte noch im Alten Testament im Herzen der Verstand. Auch die Einsicht war hier zuhause. Und wer half dem klugen Herzen? Das Ohr. So wünschte sich der weise König Salomon ein hörendes Herz: "Des Einsichtigen Herz erwirbt Erkenntnis, der Weisen Ohr sucht Erkenntnis." (Prv. 18,15) Ohr und Herz gehörten unabdingbar zusammen.

Zwar befindet sich das Ohr nur am Rande des menschlichen Angesichts, der panim, der Hinwendungen des Menschen. Der älteste Ruf der Väter "Höre, Israel!" (Dt. 6,4) läßt das Ohr zum entscheidenden Sinnesorgan werden. In Jes 50,4f. wird das Ohr Morgen für Morgen geweckt und geöffnet. Hiermit wird dem Ohr Erkenntnisfähigkeit zuteil, denn tatsächlich ist es ja das einzige Sinnesorgan, das wir nicht einfach schließen können. Auch Rechtsakte können am Ohr vollzogen werden. Wenn z.B. ein Sklave seinen Herrn und seine Familie liebt, so daß er statt freigelassen zu werden, dableiben möchte, "soll ihn sein Herr an den Türpfosten stellen und ihm das Ohr mit einem Pfriemen durchbohren, so soll er für immer Sklave sein." (Ex. 21,5f.)

2. Das Ohr und das Wort

Vom Ohr her kann auch der ganze Mensch mobilisiert werden: "Zu mir hat heimlich sich ein Wort gestohlen, es nahm mein Ohr davor ein Flüstern war, in Grübeleien nächtlicher Gesichte, wenn Tiefschlaf auf die Menschen niederfällt. Erschrecken widerfuhr mir und Erzittern, und brachte mir all mein Gebein zum Beben; ein Hauch glitt über mein Gesicht dahin, es sträubte sich das Haar an meinem Leibe." (Hiob 4,12-15) Wie hier der auditive Wortempfang des Weisen vom Ohr her das gesamte körperliche Befinden verwandelt, bestimmt das Hören das Verhalten und Ergehen des Menschen schlechthin (vgl. Gn3,8-10). Ein Mensch, der absichtlich sein Ohr verschließt und bei sich selbst bleibt, wird unmenschlich: Prv 28,9: Wer fernhält sein Ohr vom Hören der Weisung, dessen Gebet sogar ist ein Greuel."

Ps. 40 Schlachtopfer und Speiseopfer wolltest du nicht, - Ohren hast du mir gegraben. Versagen des Ohres wäre Absage an das Leben, denn der Mensch lebt von dem, was aus dem Munde Gottes an sein Ohr ergeht. Zur endzeitlichen Erlösung gehört auch, daß die Ohren des Tauben aufgetan werden.

Das Wort ist also symbiotisch mit dem Ohr verbunden, so daß wir nicht zu unrecht Literatenohren heißen.

3. Das Ohr in uns und um uns herum

Im größeren mythologischen Kontext steht das Ohr auch mit der Symbolik der Spirale, des Schneckenhauses und der Sonne im Zusammenhang; dies erklärt die seltsame Vorstellung einer Geburt aus dem Ohr, denn die Muschel ist ein Geburtssymbol. Karma, der Sohn des Sonnengottes Surya, wurde aus dem Ohr seiner Mutter geboren. Die Muschel hat man auch als Talisman betrachtet, der zu einer leichten Geburt verhelfen sollte. In der ägyptischen Symbolik empfängt das rechte Ohr die Luft des Lebens und das linke die Luft des Todes. In der christlichen Kunst wird der Heilige Geist manchmal als eine Taube dargestellt, die in das Ohr der Jungfrau Maria schlüpft. Die Ohren von Göttern, Königen, regenbringenden Reptilien oder anderen Lebewesen stehen mit der Spirale in Verbindung. Verlängerte Ohrläppchen an hinduistischen, buddhistischen oder chinesischen Figuren weisen auf Königswürde, geistliche Autorität oder Größe hin; sie sind eines der chinesischen Glückzeichen. Spitze Ohren werden mit Pan, Satryrn und Teufeln assoziiert. Eselsohren erscheinen an er Narrenkappe und sind ein Attribut des Midas; sie bedeuten Torheit.

3. Das Ohr und die Liebe

Von Ohren zu träumen hat etwas mit einer Frau zu tun. Sind die Ohren schön, erlebt man mit Frauen, Schwestern oder Töchtern Freude, deren Verlust dagegen bedeutet es, wenn die Ohren abgeschnitten werden.

Ohrenschmalz sollte in alten Zeiten nicht nur gegen Hautkrankheiten helfen, sondern ebenfalls Verliebtheit auslösen. Ein Mädchen konnte die Liebe ihres Angebeteten erwerben, wenn sie ihm heimlich etwas von ihrem Ohrenschmalz auf sein Brot strich und er davon aß. Literatenohr wünscht guten Appetit.

4. Die Ohr-Feige

Wenn man einen Gehängten ohrfeigte, hütete man sich davor, daß dessen Geist als böser Geist weiterleben würde. Als Strafe trat die Ohr-Feige auch in Form der Geisterohren auf. Oft wurden Ohr-Feigen als Gedächtnisstützen verabreicht, damit man sich des Ereignisses, das dazu führte, erinnere. Ebenfalls galt die Ohr-Feige als Zeichen der Herrschaftsausübung.

5. Klingende Ohren

In Zürich soll man sich vor Ohrenschmerzen geschützt haben, indem man Sargnägel in der Tasche trug. Heiße Ohren deuten heute immernoch auf Verliebtheit ihres Trägers. Klingt das rechte Ohr, dann wird man gerade gelobt, klingt dagegen das linke, sollte der Träger sein Ohr mit dem Finger berühren und in diesen dann beißen, auf daß sich der Verleumder in die Zunge beiße.

6. Das Ohr und die Fliegenmaden

Der Insekt erhielt seinen Namen aus dem Glauben heraus, er würde schlafenden Menschen ins Ohr kriechen. Seine großen Zangen am Hinterleib sollten das Trommelfell perforieren und Ohrenkrankheiten verursachen. Ein spezieller Ohrdämonen-Mythos entstand, weil man verschiedene Fliegenmaden, die infolge mangelhafter Hygiene das Ohr bewohnten, ebenfalls als Ohr bezeichnete und sie für allerlei Übel verantwortlich machte.

Quellennachweise:

- Handbuch des Aberglaubens. Bd. 2. Wien 1996.

- J.C. Cooper:Illustriertes Lexikon der traditionellen Symbole. Wiesbaden 1986.

- Hans Walter Wolff: Die Anthropologie des Alten Testaments. Stuttgart 1984.