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Heute ist ein Abend wie alle Abende zuvor. Das letzte Licht
des Tages verfängt sich in dem großen bunten Fensterbild an
unserem Erkerfenster. Bunte Streifen tanzen durch
Wohnzimmer und Küche. Gestern erst habe ich es dort
angeklebt. Ein grüner Lichtstreif heftet sich auf das
kleine Bild an unserem Kühlschrank. Es zeigt eine junge
Frau auf einem Sessel. Die Frau trägt einen viel zu großen
Mantel und einen Hut mit Federbesatz. Ihre Hände hat sie
sorgsam in den Schoß gelegt und blickt gerade und klar auf
den Betrachter. Klara ist die Freundin meines Bruders, die
beiden kennen sich jetzt drei Jahre. Vor zwei Jahren sind
sie zu mir in die WG gezogen. Damals wohnten noch sechs
Leute hier, nur wir drei sind geblieben. Ich bin froh, daß
mein Bruder sie hat, sie wird sich um ihn kümmern und ihn
trösten. Seit ich denken kann war mein Bruder ständig in
meiner Nähe. Immer der große Bruder, der Beschützer, der
Aufpasser, dabei ist er bloß zwei Jahre älter. Zwei Jahre,
was sind zwei Jahre im Angesicht der Ewigkeit. Es ist an
der Zeit, das auch er jemanden hat, der ihn beschützt, der
auf ihn aufpaßt. Ich habe dies zwar getan, aber ich bin ja
die Kleine, war es immer, da ist nichts zu machen. Achim,
meine Eltern haben ihn nach einem König benannt, übernimmt
alle nur mögliche Verantwortung. Gestern war er wieder
einmal deprimiert, saß auf dem Hocker mitten im Raum, das
Gesicht in den Händen vergraben. Ich habe dann das Bild an
das Fenster gehängt. Er hat aufgeschaut und gelächelt. Es
ist ein ganz buntes Bild, eine Art Mandala glaube ich, so
eins hing damals in unserem Kinderzimmer. Klara kam dann
von der Arbeit und ich bin zurück zu meinem Buch. Eine
wirklich gute Geschichte, weil man nicht weiß was wirklich
geschehen ist und dann kann man es sich denken. Heute
Mittag sind die Beiden dann los, ein wenig den Fluß entlang
und dann einkaufen. Es kann nicht mehr lange dauern bis sie
wiederkommen. Achim würde mich nie alleine in der Wohnung
lassen sobald es dunkelt. Nicht seit ich mit acht im
Dunklen stürzte und Wochen im Krankenhaus lag. Ich glaube
es waren seine Rollschuhe auf dem Hochgang. Aber nun wird
es das letzte Mal, das er so früh nach Hause kommen muß. Es
wird besser für ihn sein, wenn sie umziehen. Klaras Weg zur
Arbeit wäre dann auch viel kürzer Aber wie ich Achim kenne
wird er wohl nicht wollen und ich kann es nicht ändern. Ich
höre ihre Schritte bereits auf der Treppe und das Rasseln
von seinem Schlüsselbund. Im Korridor brennt das Licht
hell. Achim und Klara drücken sich mit ihren Einkäufen in
den Raum. Die Tür zu meinem Zimmer steht offen. „Sie ist
eingeschlafen“ wird Achim denken. Ich sehe wirklich aus als
würde ich schlafen, wie ich dort so sitze, am Tisch mit der
schwarzen Decke, vornübergeneigt, den Kopf auf die Arme
gelegt.
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