Der Wettbewerb fand in der Galerie Isshorst (Hamminkeln) statt. Daher bildeten Kunstwerke die Ausgangspunkte für die Autoren.

 

Platz 1

 

Renate Ufermann zu einer Lithographie von Alexandra Hug

Erster Preis

 

Renate Ufermann, Lehrerin im Ruhestand, lebt in Moers und hat im September ihren ersten Kriminalroman veröffentlicht: Jagdgründe. Niederrhein Krimi 8. Emonsverlag Köln 2003.

 

Wie ein Stein

Seltsam schwer war das alles, besonders der Kopf. Die Beine, die Arme, alles zu bloßem Gewicht geworden in der Hülle eines kindlichen Körpers. Befremdlich. Ich legte die Beine und die Arme zusammen Stunden, nachdem er gestorben war. Der Bestatter wollte kommen, um meinen Sohn Felix mitzunehmen, der an einer Gehirnhautentzündung gestorben ist.

Mich gibt es leider noch. Es gibt mich seit 25 Jahren.

Ich bin wie andere Frauen, mittelgroß, aschblond, von beliebigem Aussehen. Verunsichert, verwirrt. Selbst in Gesellschaft vermag ich nicht mehr verbindlich zu lächeln. Meine Brüste bilden flache Hügel unter meinem Kleid; meine Arme sind meine Arme. Wenn ich die Ellebogen abspreize, quillt der bittere Geruch unter meinen Achselhöhlen hervor, der seitdem ständig der meine ist. Unter meiner Haut arbeitet mein Fleisch, frisst die Tage stumpf in sich hinein.

Ich bin wie eine Form, in die eine gewisse Geschichte gegossen ist. Die Geschichte einer alleinerziehenden Mutter eines fünfjährigen Jungen. Ich habe mein Leben sparsam gelebt, immer nur für mein Kind, mit aller Ernsthaftigkeit und Verlässlichkeit. Vieles habe ich ausgespart, z.B. die Männer....Männer, die vorbei kamen mit diesem bestimmten beharrlichen Lächeln......oder mit schönen starken Armen.

Nick hatte solche Arme, mit denen er mich neben sich legte, damals, als wir noch zusammen waren. Seine Beine umfingen meine Beine, seine Arme umschlossen meinen Körper, seine Lippen küssten meine Brüste. Ich bin die Frau eines einzigen Mannes. Nick hat uns verlassen, kurz nachdem unser Sohn geboren war.

Die Gräser am Wegrand, die nie geschnitten wurden über den Sommer, starren fahlgelb, jetzt, Ende September. Weinlaub färbt sich an der Hauswand. Die Kronen der Bäume werden allmählich bunt; aber unter dem Netzwerk von Licht und Schatten an der Oberfläche herrscht eine grüne Kühle.

Damals, vor nicht vier Wochen, standen die Bäume reglos und grau unter dem Dunst der Sommerhitze, allen Saft im Herzen des Stammes und in den Wurzeln zusammengezogen, um zu überleben in diesem übermäßigen Sommer. Ich fühlte Felix Atem auf meinem Arm, auf dem sein Kopf lag. Es sind immer besonders seine Augen, an die ich denke, wenn ich denke, dass er tot ist. Nicht eben groß, veilchenblau. Im Sonnenlicht schwammen Goldplättchen darin, mehr oder weniger je nach Stärke des Lichts. Abends schloss er sie, um zu schlafen, und morgens öffnete er sie wieder. Der ganze Tag ging hinein, rechts und links alles, was passierte. Ging durch das dunkle Loch der Pupille in seinen Kopf und machte, dass er tat, was er tat, rasch oder bedächtig, alles in der ihm eigenen Art. Zuletzt waren seine Augen meistens geschlossen, und unter den bläulichen Liedern gingen die Bilder einer Welt hin und her, von der ich nichts wusste und von der er mir nicht mehr erzählen konnte.

Ich war über dem Anblick der reglosen grauen Bäume vor dem Fenster eingeschlafen. Ich wachte davon auf, dass sein Atem nicht mehr meinen schweißnassen Arm fächelte. Das verzeihe ich mir nie, dass ich in dem Moment schlief, als er starb. Jetzt sind seine Augen geschlossen für immer. Ich kann nie wieder das Leben hinein und hinaus wandern sehen.

Seitdem spüre ich meinen Tod. Er ist noch ein kleines Tier, das in meinem Körper wohnt. Hockt da und wächst. Hat seine Nagezähne in mein Fleisch geschlagen, sich festgebissen, bläht sich auf. Es hat einen brennenden Atem. Wenn ich nur noch die Haut über meinen Knochen bin, werden wir gemeinsam eines Tages erstarren. Was bleibt, ist der leblose Körper einer Frau, schwer wie ein Stein, schwerer als der tote Körper eines Kindes. Ich weiß alles im Voraus. Wir werden einander aus nächster Nähe erlebt haben.                 

 

 

Platz 2

 

Den zweiten Platz vergab die Jury gleich zweimal.

 

Und zwar an Melanie Köhler und Sonja Baum.

 

Melanie Köhler, 24, lebt, schreibt und studiert in Padua. Sie  erhielt den Hattinger Förderpreis für junge Autoren. Ihr Text wurde durch angeregt durch „OP-Tisch“ von Harald Becker und „Glückspilz“ von Brigitta Zeumer.

 

Bis zur ErSCHöPFUNG

 

Blaues Licht gellt tatütata. Wie eine Dosis Adrenalin jagen sie Willich, dieses blutunterlaufene Häuflein Mensch durch sterile Venengeflechte. Stationen: Notaufnahme und Schleuse, und schon ruht er kunstbeatmet unterm Fünf-Sonnengott der OP-Lampe, wo geübte Hände versuchen, sein zuckendes bisschen Leben zu stabilisieren. Ihn, nunmehr rote Kontur seiner selbst. Sonst nichts. Notdürftige Schienung; man flickt Blutgefässe zusammen, erfindet sich Dichtung, die Wiederbelebung ist geglückt, es wird Abend und Morgen,

 

Tag 1. Draußen sind die Bäume grün und spielen blattgewandt auf der Windströmung Etüden, doch wenn man so da liegt und einem die Schwärze von innen über die Iris sudelt, dann fällt es schwer, zwischen dem Gepiepse und Gezirpe der Maschinen ein Bild heraufzuholen. Willich liegt stumm, im weiß getünchten Schichtzimmer brüht die Schwester Kaffee; zwischendurch sticht sie ihm einen Lichtstrahl ins Auge zur Pupillen-Erschreckung. Hier gibt es für Zeit keinen verlässlichen Hinweis, außer dem Atmen, hör es zischen: Ein – Aus. Ein – Aus.

 

Tag 2. Sie stehen betroffen um ihn im Kreis, Hände berühren seine Arme, sie nennen ihn flehentlich beim Namen, dazu gibt es Geschluchze oder schlichtes An- und Abstöpseln der Tropfschläuche; Haut sagt Erkennst du mich? und bittet um Antwort; ansonsten kein Bild, keine Rahmenhandlung dringt hinter Willichs Stirn: Er liegt schwarz – rot – dumpf mit dem Rücken zur Wand, erstarrt in der stumpfen Pose des Wartens. So ruhe er in Frieden? Noch nicht…

 

Tag 3. Endlich blitzt Erinnerung auf aus dem Gewühl von Schläuchen und Drähten, es blüht seinem Körper Patella – Reflex, zwischen Paracetamol und Splitterbruch vage Bewusstheitsflecken; Willich kämpft, während draußen schon Krähen im Reigen die Luft zersägen, sie zeichnen den Weg vor und krächzen: „Carpe diem – Nutze den Tag!“ Er gehorcht, es gelingt ihm der Augenaufschlag.

 

Tag 4. Sie treten herein mit ihren Festtagsgesichtern: Willich hat das Koma besiegt, da steht seine Frau mit goldlockigem Töchterchen am Bett, der kleine Engel hat ihm Bäume gemalt, Willich saugt gierig die Welt in sich auf, Bilder als Vorrat für schlechte Zeiten. Er ist schon fast wieder Mensch; die Schläuche werden abgesteckt, vielleicht ab morgen schon Festnahrung.

 

Tag 5. Zur Besuchszeit im Rahmen der Tür eine schmale Gestalt. Willich strahlt sie an. Sie kommt zögerlich näher. Kennen wir uns?, fragt er herzlich. Sie schüttelt den Kopf, „Nein!“ sagt sie, die Stimme schon brüchig, „ich wollte Sie nur sehen!“ , sie entzieht ihm die Hand, ihre Miene versteinert. Draußen der Krähenflug, drinnen im Kopf, zwischen weißen Wänden ein „Warum?“ in den Raum gestellt, vorerst keine Antwort.

 

Tag 6. Er fragt. Sie schauen beiläufig zur Seite. „Du musst dich schonen!“, kommt zögernd. Willich lauscht in sich. Plötzlich grausam: Ein Bild. Das Schnurren des Motors, in der Geschwindigkeit schien sich die Allee zu verengen, Schleudern beim Kurven-

 

Schnitt. (Das bricht dem Gegenüber den Frontalflügel).

Die Hand, die ihm zum Lebenwollen reichte, ist jetzt die Hand, die ihm Schuld baut. Die Last drückt unsichtbar und beugt sichtbar vornüber: Willich, dem scheint über alle Massen unerträglich, was andere ihm Glück nennen, Glück, diesen ungerechten Widerspruchsgeist gegen Vernunft und Schicksal: Er wird sich nie mehr davon erholen, sondern gebückt bleiben, ein notdürftig Geschienter, Gebrochener, dem das eigene Gewissen vorwärts und rückwärts verzahnte Buchstaben diktiert zur Abbitte, gerichtet an

 

Malek, der am 7. Tag (nach Willich) ruht:

Für ihn Abend und nie mehr Morgen. Kein Baumgrün mehr, nur Äste, zersplittert und Baumskelett und Schwärze, die sich um seinen Brustkorb als unwiderruflicher Rahmen schließt. 

 

 

Platz 2

 

Sonja Baum, ebenfalls 24, studiert in Heidelberg und hat gerade ihren ersten Roman veröffentlicht:

Novembertag im Frühling. (Karin Fischer Verlag Aachen) Ihr Text wurde angeregt vom Gemälde „Glückspilz“ von Brigitta Zeumer. Mehr auch unter www.sonja-baum.de

 

 

Stimmungstaucher

 Das Bild war bunt.

„Bunt.“, sagte ich.

Er blickte mich zweifelnd an. Für einen Moment meinte ich, seine Pupillen hätten eine rote Umrandung. Und ich vergaß darüber, auf seine Augenfarbe zu achten.

Dann fielen ihm seine Haare in das Gesicht und über seine Augen, und während er sie mit einer seltsam leisen Geste nach hinten schob, wandte er sich dem nächsten Bild zu.

Die Bilder waren mit Nummern versehen, und die Nummern an den Bildern schrieben vor, in welcher Reihenfolge man sie sich ansehen sollte. – Deshalb stand ich gleich darauf wieder neben ihm.

Er blickte mich diesmal irritiert an.

„Die Reihenfolge...“, meinte ich. Und wies auf die Zahlen an den Bildern, weil ich nicht wußte, ob er wußte, was ich meinte.

„Ich studiere Kunst.“, sagte er.

Ich war mir nicht sicher, ob er damit sagen wollte, daß meine „bunt-Bemerkung“ wenig fachkundig war, oder ob dies der Anfang einer Konversation war.

„Ich studiere Stimmungen.“, meinte ich.

Wieder zeigte sich sein zweifelnder Blick: „Bunt ist keine Stimmung.“

„Ich weiß.“ Ich zuckte mit den Achseln, etwas resigniert: „Modern. – Ist auch keine Stimmung.“

„Du mußt in die Bilder eintauchen.“, sagte er.

Kritisch blickte ich auf das Bild vor uns. „Rasterfahndung“ war daraufgestempelt.

„Da hinein?“

„Naja, da vielleicht nicht gerade. Wenn Du in das Fahndungsraster fällst, sperren sie Dich vielleicht ein, und Du kommst nicht mehr heraus.“

„Aha.“ Ich nickte mit  verständiger Miene und war mir nicht sicher, ob er nicht doch etwas merkwürdig war.

Vor einem Bild mit Kirche, schrägem Kirchturm und umgekippten Häusern blieb ich stehen: „Dieses hier!“

Er nahm meine Hand. Die war ganz kalt. Seine war warm. Weich und warm. Und dann machten wie einen großen Schritt und traten in das Bild und hinein in die Kirche. Es war ziemlich kühl und roch nach Farbe. Die Kirche war ganz leer.

Er brummte: „Der Künstler hat vergessen, die Kirche einzurichten.“

Ein hohler Ton ließ uns herumfahren: Ganz oben unter der Decke klebte eine Orgel. Ein Mann hing daran und hielt sich an den Tasten fest. „Hallo!“, rief er herunter.

Mein Kunststudent schien nur wenig beeindruckt und hob flüchtig die Hand zum Gruß. Ich schüttelte den Kopf: „Fallen Sie nicht herunter!!“ – Der Mann lachte: „Ich bin Bodybuilder. Hab starke Arme. Ich trainiere hier.“ Und er hangelte sich von Taste zu Taste.

„Ein musikalischer Bodybuilder?“ Fragend blickte ich meinen Kunststudenten an.

„Ja.“, nickte er. „Komm, laß uns in den Turm steigen.“

„Aber der ist schräg.“, meinte ich.

„Macht nichts. – Lernt man im Kunststudium.“ Er zog mich wieder an meiner kalten Hand mit seiner warmen Hand hinter sich her, und wir stapften auf dem Mauerwerk den Turm hoch, immer weiter. Es war gar nicht anstrengend. Nur der Geruch nach Farbe stach etwas unangenehm in der Nase.

Oben angelangt setzte er sich in eines der hohen Turmfenster, löste meine kalte Hand aus seiner warmen und wies neben sich. Seine Pupillen hatten tatsächlich eine rote Umrandung.

Um uns war alles rosa. Rosa Wolken und rosa Himmel.

„Kann man auf den Wolken laufen?“, fragte ich. Er schüttelte den Kopf: „Aber man kann etwas anderes.“ – Er gab mir einen Stoß und wir rutschten den schrägen Turm an seiner Außenwand hinunter.

„Das gibt bestimmt Ölflecken, wegen der Farbe!“, rief ich.

„Nein! – Das lernt man auch im Kunststudium.“ – Und wir stießen uns mit den Händen an der Mauer ab, so daß wir noch schneller rutschten.

Unten landeten wir auf dem umgekippten Pfarrhaus, doch wir hatten so viel Schwung, daß wir darüber hinaus- und mitten hinein in den rosa Himmel schossen.

Und dann fielen wir. Mein Magen sauste nach oben und wir immer weiter nach unten. Er schüttelte den Kopf: „Der Künstler hat das Ende des Himmels vergessen.“

Wir sausten noch eine Weile weiter, dann meinte er: „Laß uns gehen.“

Ich nickte. Er griff nach meiner Hand. Die war nun warm. Und wir landeten mitten im Garten hinter der Galerie. Es war schon dunkel. Und wir saßen zwischen dünnen Skulpturfrauen und mondfarbenen Kornblumen. Und ein einzelner Stern am Himmel blinkte im Rhythmus eines mir unbekannten Morsealphabets.