WETTBEWERB / "Wort 9.6" und Literatenohr lockten mit ihrer Idee Teilnehmer
aus ganz Deutschland. Die Moerserin Renate Ufermann gewann den ersten Preis.


KREIS WESEL. Stifte, Papier, ein Duden mit neuer Rechtschreibung und ein
Synonymen-Wörterbuch lagen auf dem Tisch, weil das Wichtigste oft vergessen
wird. 14 Frauen und Männer tranken Kaffee, schnappten frische Luft oder aßen
etwas Obst für die Konzentration. Dann fingen sie an zu arbeiten. Nur knapp
vier Stunden Zeit blieben ihnen, bis sie ihr vollendetes Tagwerk bei der
Jury des Literaturwettbewerbs "Aus den Augen in den Sinn - Kopfreisen"
abgeben mussten.

Aus dem gesamten Bundesgebiet waren die Teilnehmer zur Galerie Isshorst
zwischen Ringenberg und Dingden angereist - beziehungsweise zum Treffpunkt
am Weseler Waldhotel Tannenhäuschen, denn der "Tatort" war bis Samstag
streng geheim. Die jungen und alten Literaten sollten sich von einem neuen
Ort und seiner Kunst inspirieren lassen: Eine Idee der durch Lesungen in der
Region bekannten Gruppe "Wort 9.6" und des Vereins Literatenohr.

Vielleicht kam die interessante Idee durch Autoren wie Alain Robbe-Grillet,
der eine Kriminalgeschichte zu René Magrittes Kunstwerken schrieb. Darin
nachzulesen blieb den Teilnehmern aber keine Zeit. Sie mussten ihre
Inspirationen in den Ausstellungsstücken verschiedener Künstler suchen und
zwischen Obstwiesen, Schafen und Federvieh Prosa schaffen.

Ein paar Stunden Feinschliff, Warten, und Beratung in der Jury später trafen
sich alle zur Lesung im Tannenhäuschen. Was die Jury schon wusste, wurde
hier den Zuhörern bewusst: Die Teilnehmer waren allesamt keine Frischlinge
in der Welt der Worte - alle haben bereits Werke veröffentlicht oder an
Wettbewerben teilgenommen.

"Bild zeigt Stier, nehme ich an", begann die Weselerin Nicola Frasa ihren
satirischen Beitrag. Sie beschrieb den Wettbewerb, die Teilnehmer und den
Sonderpreis - ein Bild - den sie sowieso nicht haben wolle. "Die Spuren
deiner Schritte" war der Titel von Daniel Mylows (Marburg) Werk. Darin hat
er sogar das Hupen des Regionalzuges "Der Bocholter" eingebaut.

Die Jury, bestehend aus Roland Lohmann, Margarete Gaitzsch (beide Wort 9.6)
und Katharina Rist (Literatenohr) überzeugten Melanie Koehler (Padua) und
Sonja Baum (Heidelberg). Klang- und bilderreich mit Ausdrücken wie "draußen
sind die Bäume grün und spielen blattgewandt auf der Windströmung Etüden"
sicherte sich die aus Italien angereiste 24-Jährige einen zweiten Preis.
Eine realistisch-surrealistische Wortreise in ein Bild a la Marry Poppins
schuf Sonja Baum und bekam dafür ebenfalls einen zweiten Preis. Andreas
Muncke aus Münster belegte den dritten Platz.

Der erste Preis, eine Reise nach London, ging an Renate Ufermann.
Eindrucksvoll und nachfühlbar erzählte die 62-Jährige aus Moers anhand eines
Gemäldes von Alexandra Hug die traurige Geschichte einer Frau, die ihr Kind
verlor und nun selbst auf den Tod wartete. Die ehemalige Lehrerin hat erst
kürzlich den Niederrhein-Krimi "Jagdgründe" veröffentlicht. "Genaues
Hinsehen ist sehr wichtig" ist sie überzeugt, denn die Rentnerin malt selber
und hat daher eine sehr enge Beziehung zwischen Bild und Wort entwickelt -
genau so, wie es sich die Veranstalter vorgestellt hatten. Ein
Publikumspreis wurde auch verliehen: Ein Bild aus der Ausstellung in der
Galerie Isshorst ging an Gregor Bohnensack-Schlößer aus Münster.

Die Texte der Gewinner werden auf der Internet-Seite von Literatenohr,
www.literatenohr.de, zu lesen sein.




28.09.2003    CAROLIN REINTJES ( Neue Rhein Zeitung )

 

Literaturpreis an Moerserin Ufermann

 

Im Kopf verreist

 

Hamminkeln / Wesel.  „Wie ein Stein“ hieß die Kurzgeschichte von Renate Ufermann aus Moers. Ihr wurde von der Jury des Literaturwettbewerbs „Aus den Augen in den Sinn – Kopfreisen“ der erste Preis zuerkannt. Am Samstag hatten 14 Bewerber in der Dingdener Galerie Isshorst vier Stunden Zeit, sich von Kunstwerken anregen zu lassen und dann zwei Seiten mit der Hand geschriebene Prosatexte abzugeben.

 

Anregungen aus der Galerie

 

Im Skulpturengarten der Galerie und im Ausstellungsraum saßen und schrieben die Literaten. Stille überall. Leises Sprechen nur beim Mittagessen mit Eintopf  von den Galeristen Traute Becker und Gerhard Koch, mit Kuchen, Käse, Weintrauben und Süßigkeiten von Mitgliedern der Weseler Gruppe WORT 9.6. Die hatte der internationalen Gruppe Literatenohr den Wettbewerb ausgeschrieben (RP berichtete).

 

Abends zur Lesung im Weseler Hotel Tannenhäuschen hatten sich neben Verwandten und Freunden der schreibenden Teilnehmer etliche Interessierte aus Wesel und Umgebung eingefunden. Die wählten den Publikumspreisträger aus. Gregor Bohnensack-Schlößer aus Münster bekam ihn für eine inhaltlich und sprachlich abenteuerliche Reise rund um den Globus, angeregt von einem abstrakten Bild „Grün“.

 

Renate Ufermanns „Wie ein Stein“, inspiriert von der Darstellung eines verkrampften Körpers, handelte vom plötzlichen Tod eines Kindes. Wegen gleichrangig beurteilter Texte wurden zwei zweite Preise vergeben: an Melanie Koehler aus Karlsruhe, die eigens aus ihrem Studienort Padua angereist war, und an Sonja Baum aus Heidelberg. Koehler schilderte die Reanimierung eines Patienten, Baum ging buchstäblich ins erdachte Innere einer kubistisch ins Bild gesetzten Kirche hinein. Über eine gynäkologische Untersuchung schrieb der dritte Preisträger, Andreas Muncke (Frankfurt).

 

Außer einer Reise nach London und gestaffelten Geldpreisen wurden Mitgliedschaften im Literatenohr, Leitung Dr. Katharina Rist, vergeben. Der Publikumspreis war ein Bild aus der Galerie Isshorst. Die Gesamtorganisation und die Moderation der Veranstaltung lag in Händen von Roland Lohmann aus Wesels Gruppe WORT 9.6. Vielleicht werden die Wettbewerbstexte als Computerausdrucke herausgegeben.

 

Hanne Buschmann

 

 

Ufermann gewinnt Schreibwettbewerb des Literaturvereins Wort 9.6

Prosa und Eintopf in der Galerie

RINGENBERG (tim). Inspiration durch Kunst. Die Galerie Isshorst wurde am
Samstag ein Hort der literarischen Emsigkeit. "Aus den Augen in den Sinn -
Kopfreisen" hieß es für 14 Teilnehmer beim Literaturwettbewerb, der von den
Gruppen Wort 9.6 und Literatenohr veranstaltet wurde. Die Teilnehmer, die
aus dem gesamten Bundesgebiet kamen, hatten am Samstag knapp fünf Stunden
Zeit, um ihre schriftstellerischen Qualitäten unter Beweis zu stellen.
Unterbrochen wurde die konzentrierte Arbeit nur durch eine kurze
Mittagspause. Die beiden Galeristen Traute Becker und Gerhard Koch hatten
für die Wettbewerbsteilnehmer und die Jury einen herzhaften Eintopf gekocht.
Die Vorgabe für die Schreiber lautete einen Prosatext zu erstellen, der
angeregt werden sollte durch die in der Galerie Isshorst präsentierte Kunst.
Der Textumfang wurde von der Jury (Mitglieder aus Wort 9.6 und
Literatenohr) auf zwei Seiten begrenzt. Denn bereits am Abend wurden
sämtliche Texte im Waldhotel Tannenhäuschen in Wesel dem Publikum in einer
Lesung präsentiert.

 

Vier Sieger prämiert

Neben den Juroren Roland Lohmann, Margarete Gaitzsch und Dr. Katharina Rist
durfte dort auch das Publikum einen Preis vergeben, der sich allerdings nach
anderen Kriterien bemaß als die schon vorher durchgeführte Bewertung durch
die Jury. Beim Sonderpreis des Publikums ging es zum großen Teil um die
Präsentation der Texte. Nach drei Stunden intensiver Lektüre und
Diskussionen standen die Sieger fest. Da es so viele gelungene Texte gab,
entschloss sich die Jury kurzfristig sogar vier Preise zu vergeben.
Der erste Preis ging an Renate Ufermann aus Moers. Mit ihrer Geschichte "Wie
ein Stein", angeregt durch eine Lithographie von Alexandra Hug, überzeugte
sie die Juroren. Es wurden zwei zweite Preise vergeben: Melanie Koehler aus
Padua (Italien) hatte sich gleich von mehreren Werken inspirieren lassen.
Sei es nun der "OP-Tisch" von Harald Becker und "Glückspilz" von Brigitta
Zeumer. Mit "Bis zur Erschöpfung" überzeugte auch sie die Jury. Der zweite
zweite Preis ging an Sonja Baum aus Heidelberg. Ihr Text "Stimmungstaucher"
wurde inspiriert durch eine Tuschezeichnung von Brigitta Zeumer.
Über den dritten Platz konnte sich Andreas Muncke aus Frankfurt freuen. Sein
Text kam ohne Titel aus. Auch er ließ sich durch den "OP-Tisch" von Becker
inspirieren. Das Publikum vergab einen Sonderpreis, gestiftet von der
Galerie Isshorst. Liebling des Publikums war Gregor Bohnensack-Schlößer aus
Münster. Seine Kurzgeschichte "Grün" inspiriert von einem von der
niederländischen Künstlerin Marijke in den Bosch gestalteten Frauenkopf kam
bei den Zuhörern gut an.


© Bocholter-Borkener Volksblatt Im BBV veröffentlicht am: 29.09.2003, im
Ressort: Hamminkeln