5. Literaturwettbewerb von Literatenohr e.V.
Böse Körper und Gestalten
(Mai 2002)


5. Preis


P.M. Dörnfeld

Teufelszwirn

2001 n. Chr., Shandong, eine Provinz im Osten Chinas

Tausende von gelblichgrau bis dunkelgraue Leiber wälzten sich kauend unter den durchsichtigen Tüchern. Die Luft schimmerte grünlich und duftete intensiv nach den frischen Blättern des weißen Maulbeerbaums.

Seit Jahrtausenden hatten unzählige Generationen dieser Raupen nichts anderes zu tun, als zu fressen und ihren begehrten Kokon zu spinnen. Seit Jahrtausenden hatte sich etwas unvorstellbar Böses entwickelt, genährt von einer ewig alten Wut, eingesponnen in eine ewig alte Angst vor dem Menschen, vor dem Tod. Eine teuflische Besessenheit versuchte sich seit fast 7000 Jahren aus dem Gespinst von gewaltiger zorndurchtränkter Ohnmacht zu befreien. Es wurde Zeit. Der Kokon würde platzen. Bald.

Niemand hatte die Veränderung bemerkt. Die Luft schimmerte nicht mehr grünlich, sondern waberte so grau, wie die Leiber, die aufgehört hatten zu fressen. Statt dessen begannen sie ihre Leichenfäden für ihre Kokons zu spinnen. Besondere Fäden.

Die chinesischen Arbeiter bemerkten nur, dass diesmal die Seide von einer außergewöhnlichen, noch nie da gewesenen Qualität sein würde. Als die Kokons ins kochende Wasser geworfen wurden, entwich ein wutentbranntes Stöhnen aus tausenden winziger Mäuler. Ungehört verhallte dieses bedrohliche Geräusch. Ungesehen ließ sich eine seltsame, dunkelgraue, todbringende Wolke auf die kilometerlangen, erdumspannenden Seidenfäden nieder, durchtränkte sie, wie die Farbe, die sie bald erhalten sollten.

2002, irgendwo in Europa

Es ist März. Ein ungewöhnlicher März. Die Sonne strahlt, lockt, erzählt von lauen Frühlingsnächten, bezaubert mit dem ewig neuen Wunder, wenn die Natur farbenfroh erwacht. Das ist die Zeit, wo vor allem die Frauen in Gärtnereien und Blumenläden zu finden sind, um ihre Gärten, Terrassen und Balkone blütenreich neu einzukleiden. Das ist aber auch die Zeit, wo die Frauen eifrig in Modezeitschriften blättern, in den Einkaufszentren flanieren und Boutiquen durchstöbern.

Auch Joanne gehört zu diesen Frauen. Seufzend legt sie die bunte Zeitschrift zur Seite und blickt in den Spiegel. 'Ist es dir recht so?' fragt Rebecca, die Friseurmeisterin, ihre Freundin und hält einen runden Spiegel so, dass diese ihren Hinterkopf mit der neuen Kurzhaarfrisur begutachten kann.

'Im Nacken hast du es ja wieder mal arg kurz geschnitten.' Joanne zupft an den blonden Fransen, die ins Gesicht gekämmt waren. 'Aber die rotblonde Farbe hast du sehr gut hingekriegt. Sie bringt meine grünen Augen richtig zum Strahlen.' Die vierzigjährige Frau dreht ihren Kopf hin und her, dann nickt sie zufrieden. Rebecca entfernt den lila Frisierumhang und die Freundin steht hastig auf, nachdem sie einen Blick auf ihre elegante Armbanduhr geworfen hat. 'Mensch, Becky, es ist ja höchste Zeit, dass ich meinen Laden aufmache. Was bin ich dir schuldig?' Die Friseurin verdreht die Augen. 'Becky' hört sie nicht gern.

'Weil du’s bist fünfzig Euro und einen Einkaufsbummel am Mittwochnachmittag.'

Nervös öffnet Joanne ihre Tasche aus Straußenleder, nimmt einen Fünzigeuro-Schein aus der Börse und legt ihn auf den Tresen 'O.K. Um dreizehn Uhr hol’ ich dich ab. Wir fahren mit meinem Mercedes-Cabrio.' Und mit einem Blick aus dem Fenster fügt sie hinzu: 'Bei dem Wetter.' Die Türglocke bimmelt. 'Die Frisur hast du ja jetzt dafür!' ruft Rebecca noch hinterher.

In dem örtlichen Tagesblatt steht an diesem Tag ein kleiner Artikel in der Zeitung unter der Rubrik 'Blick in die Welt'. Man kann darin nachlesen, dass es in Shandong in der Seiden- produktion zu merkwürdigen Todesfällen gekommen sei.

Am 27. März treffen sich die beiden Freundinnen, um ein bisschen 'shoppen' zu gehen. Joanna trägt ein schickes weißes Kostüm mit schwarzen Biesen am Revers und Rebecca einen khakifarbenen Hosenanzug, dessen Jackett ihre breiten Oberschenkel kaschiert. In munterer Einkaufslaune flanieren die beiden Damen an den Schaufenstern entlang. Der Tag ist warm und sonnig. Viele Menschen haben die gleiche Idee wie Rebecca und Joanna, zumal Ostern vor der Tür steht. Überall sitzen sie auf den Bänken und an den kleinen Tischchen der Restaurants und Cafés. Die Gärtner haben gute Arbeit geleistet und die üppig blühenden Magnolien wetteifern mit der bunten Blütenpracht der zahlreichen Tulpen, Narzissen und Hyazinthen, die einen wundervollen Duft verbreiten. Gute Laune schwebt in der Luft und auf den Gesichtern. 'Mensch, Becky, guck mal!
Dieser Schal. Den muss ich haben! Ein Traum! Findest du nicht?' Joanna nähert sich dem Schaufenster, um nach dem Preis zu schauen.

'Gar nicht mal so teuer. Ein Friseurbesuch.' Joanna zwinckert ihrer Freundin zu. 'Echte Shantung-Seide,' liest sie laut vor.
'Kommst du mit rein?' Sie betreten die gut besuchte Boutique. Zwanzig Minuten später sitzen die Freundinnen an einem kleinen Tischchen. Vor sich hat jede ein Stück Erdbeertorte mit Sahne, obwohl die Hüften schon von vielen Sahnetorten sprechen, und einem Kännchen Kaffee. Joanna hat ihre neueste Errungenschaft in schwarz – weiß locker um den Hals drapiert. Rebeccas Einkauf, eine dunkelgrüne Seidenbluse mit einem kleinen gelben Schmetterling auf der Brusttasche, liegt in einer schwarzen Kunststofftüte mit dem Aufdruck der Boutique neben ihr auf einem Stuhl. 'Dein Seidenschal ist wirklich traumhaft. Solch eine schimmernde Seide habe ich noch niemals gesehen und du weißt wie gerne ich Seide trage. Sie soll von außergewöhnlicher Qualität sein, hat die Verkäuferin gesagt. Na, ich bin mal gespannt, was Robert zu meiner Bluse sagt.'
Rebecca verspeist genussvoll ihre Erdbeertorte und trinkt ihren Kaffee, der etliche Löffel Zucker beinhaltet. Joanna sitzt steif und blass in ihrem Stuhl, ihre linke Hand lockert ständig den Seidenschal. 'Was ist los mit dir? Isst du deine Torte nicht?' Rebeccas Zungenspitze kommt zum Vorschein. 'Nimm sie nur. Ich kann nichts essen. Mir ist auf einmal ganz komisch.'
Wieder nestelt Joanna an ihrem Schal herum. Die Freundin angelt sich das Stück Kuchen und verspeist es in Windeseile, als könne man es ihr noch wegnehmen.

'Ist dir nicht gut?' 'Ich weiß nicht,' röchelt Joanna, 'ich habe das Gefühl zu ersticken.' Ihre Finger stecken zwischen Schal und Hals. 'Dann nimm’ doch den verdammten Schal ab und trink’ einen Schluck Kaffee!' Joanna will noch sagen, dass sich ein Knoten gebildet hat, der nicht mehr aufgeht, doch da hat ihr Herz schon aufgehört zu schlagen.

Am Tag von Joannas Beerdigung steht Rebecca in ihrem Schlafzimmer und begutachtet sich in ihrem Spiegel, der die ganze Wand einnimmt. Sie trägt eine schwarze Hose und die neue dunkelgrüne Seidenbluse. Das Jackett legt sie sich nur über den Arm. Es ist ein warmer Tag. Dann verlässt sie den Raum. 'Wir können fahren, Robert,' ruft sie ihrem Mann zu.

Während der Fahrt zum Friedhof betätigt Rebecca den Fensterheber. Auch die Klimaanlage läuft auf vollen Touren. 'Was soll das denn?' will Robert wissen.

'Mir ist so heiß. Ich fühl’ mich eingeschnürt wie in einem Kokon.' Verzweifelt zerrt sie an den Knöpfen der Bluse. 'Ich glaube, ich..................................................................................'

Robert wird nie erfahren, was seine Frau noch sagen wollte.

In den nächsten Tagen häufen sich die Zeitungsmeldungen in aller Welt. Ein merkwürdiges Sterben hat eingesetzt. Man befürchtet einen neuen tödlichen Virus. Möglicherweise übertragen von Kleidungsstücken aus Shantung-Seide.
 
Kommentar der Jury:

Teuflische Inkarnationen

Tummeln sich männliche Urängste eher unter der Gürtellinie, so drehen sich weibliche Ängste häufig um Kleidung. Wie beim ‚Pornotraum' geht es beim Teufelszwirn um kleine Kreaturen, die nur en masse Grauen erregen. Seidenraupen, normalerweise nicht mit Schreckensbildern behaftet, werden von Dörnfeld in Weltenrichter verwandelt. In Gestalt einer kosmischen Apokalypse findet die gesammelte Wut aus Jahrtausenden ihr Ventil. Warum diese gelungene Vision nur auf Platz 5? Der Anfang ist herausragend, doch die Geschichte liest sich eher als Romanplot und überzeugt nicht mehr in ihrem Verlauf, der vermutlich umfangreicher ausgeführt werden müsste, um dem Anfang standzuhalten.
 
Biobibliographie
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