5. Literaturwettbewerb von Literatenohr e.V.
Böse Körper und Gestalten
(Mai 2002)


5. Preis


Ruth Jahn

Das Buch

Als er mich das erste Mal aufschlug, war ich entsetzt. Was wollte so ein widerlicher Kerl von mir, einem alten, in Leder gebundenen Roman mit Goldrand? Warum nahm er nicht einen ‚Jerry Cotton' oder eines dieser billigen Taschenbücher?

Ich schüttelte mich vor Ekel, aber er hielt mich fest. Seine wässrigen Augen rollten nervös zwischen schlaffen, blutunterlaufenen Lidern hin und her. Wo ich gerne eine zarte gepuderte Nase gesehen hätte, befand sich eine rote Verklumpung viel zu großer Hautporen. Und die farblosen, schuppigen Strichlippen wollten sich einfach nicht schließen, um den fauligen Geruch der Zahnstumpen zurückzuhalten.

Ich beschloss, still zu halten. Vielleicht hatte ich ja Glück, und der Kerl stellte mich bald wieder zurück? Als Buch in einer öffentlichen Bibliothek, muss man eben einiges in Kauf nehmen. Ansonsten hatte ich kaum Grund zur Klage, denn es ging mir gut hier. Dass wir allesamt falsch herum in den Regalen standen – wer hat schon Augen im Rücken? – betrübte uns häufig, aber dieses Schicksal teilten wir ja mit allen Büchern der Welt. Ich genoss die Gesellschaft der anderen Bücher und es gab sogar zwei sehr nette Damen, die für Ordnung sorgten. Die Blonde nahm mich gar nicht wahr, aber die Brünette hatte mich vor einiger Zeit sogar gelesen.

Meine Gedanken schweiften ab. Ich fühlte wieder ihre weichen Hände auf meinen Deckeln. Ich bebte vor Wonne, als ich daran dachte, wie sie meine Seiten erst noch eine Weile in ihren schlanken Fingern hielt, um sie dann vorsichtig umzuschlagen und noch einmal zärtlich darüber zu streichen. Ich dachte an ihre geschminkten Lider und an die verschmierte Wimperntusche, als sie auf Seite zweihundertdreiundneunzig angekommen war. Da starb nämlich Graf Antonio de la Riviera, in den sich bis dahin alle meine Leserinnen unweigerlich verliebt hatten. Er wurde erschlagen. Wie ich fand, ein unwürdiges Ende, denn ich empfand größten Respekt für diesen Herrn.

Ein fürchterliches Geräusch holte mich in die Wirklichkeit zurück. Der Kerl zog die Nase hoch und ließ dabei die klumpige Spitze kreisen. Empört ließ ich meine Seiten vibrieren. Von hier unten konnte ich in seine Nasenlöcher sehen, riesige Höhlen voller Fliegenbeine zwischen denen etwas verdächtig glitzerte.

Keine Ahnung wie lange ich die Nasenlöcher fixierte, bevor mir klar wurde, dass etwas nicht stimmte, denn er stand immer noch vor meinem Regal und blätterte nicht weiter. Er las gar nicht in mir, sondern hielt mich einfach fest und starrte über meinen Rand auf etwas, was sich hinter meinem Rücken befand. Ich merkte, dass ich Schwierigkeiten hatte, meine Buchstaben still zu halten. Das war bei mir immer so, wenn ich wütend wurde.

Mittlerweile hielt er mich nur noch mit einer Hand. Keine Ahnung, was er mit der anderen machte. Aber ich nutze diesen Umstand, holte mit meinen Buchdeckeln aus und klappte mich mit aller Kraft zu. Sein Daumen hing zwischen meinen Seiten, er fluchte laut und schüttelte mich ab. In hohem Bogen flog ich in Richtung Boden, landete wie gewünscht auf dem Rücken. Und schaute mich um.

Da saß eine Frau. Ihr T-Shirt spannte über einen Busen, vor dem selbst Antonio de la Riviera zurück geschreckt wäre. Noch während ich darüber nachdachte, ob ‚Schlampe' wohl der richtige Ausdruck für diese Person war, schob sie ihre knallrot lackierten Nägeln in die Achselhöhle und bearbeitete kratzend einen kreisförmigen Schweißfleck.

Der Kerl hob mich wieder hoch. Sie sah auf und lächelte ihn an. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass er mich beim Anblick ihrer lippenstiftverschmierten Zähne einfach wieder fallen lassen würde, und stauchte mir bei der Landung die Ecke des oberen Deckels. Der Schmerz raste von der Ecke durch den Deckel bis in meinen Rücken und durch jede einzelne Seite.

Dann hielt er mich mit beiden Händen und starrte weiter über meinen Rand hinweg. Ich bemühte mich gar nicht mehr, meine Buchstaben still zu halten, sie kreisten umeinander und verhedderten sich.

Entsetzt beobachtete ich, wie auf seiner Stirn winzige Schweißperlen zu dicken Tropfen anschwollen. Einer platzte, rollte die Wange herunter und hing zitternd über mir an seinem Kinn. Als er fiel, kreischte ich und bäumte mich auf. Der Kerl grunzte, seine Finger rutschten über meine Seiten und pressten sich zusammen wie eine Zwinge. Dass er mir dabei ein Eselsohr knickte, war ihm egal. Mir aber nicht. Ich schrie vor Schmerz auf und spuckte ein paar Buchstaben aus.

'Hey, was ist denn los mit dir?'
Das war Tolstois 'Krieg und Frieden', der da aus unserem Regal hinter dem Kerl rief. Wir kannten uns ganz gut, wir hatten lange nebeneinander gestanden.
'Oh Gott, schau dir diesen Kerl an! Der bringt mich um!' Meine Stimme überschlug sich.
'Aber musst du uns deshalb alle mit deinem Geschrei aufwecken?' 'Er hat mir eine Ecke gestaucht, ein Eselsohr geknickt und er tropft!' Ich konnte mich kaum noch bewegen, so fest hielt der Typ mich jetzt. 'Haha! Meine Seiten sechsunddreißig bis zweiundvierzig sind voller Kakao!', sagte Simmels ‚Es muss nicht immer Kaviar sein'. Er lag auf dem Tisch neben dem Regal und winkte mit dem Deckel zu mir rüber. 'Mir hat einer Seite achtundachtzig heraus gerissen!' rief ein Roman weiter rechts im Regal und bog gähnend seinen Rücken durch.
'An deiner Stelle würde mich verunsichern, dass er ständig die Nase hochzieht. Gott ist das ekelhaft, brrrrhhh!' Kafkas ‚Die Verwandlung' schüttelte sich.
'Was meinst du damit?'
'Der hat Schnupfen!'
'Ja und?'
'Wirst schon sehen...!'

Der Alptraum nahm kein Ende. Die Augen des Kerls waren nach wie vor über meinen Deckelrand hinweg auf das Weibsbild gerichtet und wurden immer größer.
'Die Alte reckt sich gerade. Man hat die Titten!' Simmels Stimme klang rauchig.

Neue Tropfen bildeten sich am Kinn, Rotze bahnte sich einen Weg über stoppelige Haut in Richtung Oberlippe. Auf einmal holte der Kerl Luft, ganz tief. Ich sah nur noch Zähne und Zunge. Ein gewaltiges Geräusch erschütterte mich, und etwas landete auf meiner Seite dreizehn. Es fühlte sich warm an, flüssig. Das Papier saugte es nicht sofort auf, es glitschte darauf herum. Der Kerl wischte sich mit dem Ärmel durchs Gesicht. Er sah mich an, schlug dann einen ganzen Packen meiner Seiten um und presste sie fest auf die Seite dreizehn. Das warme Zeug breitete sich aus. Ich hörte Kafkas Verwandlung kichern. 'Wenn das trocknet, klebt es die Seiten zusammen...!'

In meinem ganzen Leben hatte ich mich noch nie so elend gefühlt. Meine Buchstaben rutschten unkoordiniert über das Papier, während ich brüllte: 'Ihr müsst mir helfen!'

Gerade, als der Kerl sich auch auf meiner Seite vierundvierzig verewigen wollte, waren wir so weit. Ich schrie:
'Eins und zwei uuuuunnnd DREI!'
Die Anderen holten Schwung, einmal, zweimal, das Regal wackelte. Beim dritten Schub löste es sich von der Wand und kippte. Die Bücher stürzten sich schreiend auf den Mann. Ich sah, wie der Kafka mit den Deckeln klapperte wie ein wild gewordenes Gebiss, und mein Freund ‚Krieg und Frieden' schwang seine seidene Kordel wie ein Lasso. Gerade noch rechtzeitig, bevor er auf mich fiel, stellte ich meine Ecken auf.

In warmen weichen Händen kam ich wieder zu mir und schlug die Augen auf. Die Blondine schaute auf mich herunter. Aber ihr Blick war nicht liebevoll, wie ich es mir gewünscht hätte, nein, sie sah mich irritiert an. Ich hörte die Brünette sagen:
'Meine Güte, schon der zweite Tote hier in der Bibliothek. Bald schließen die den Laden!'
'Ja, da hast du wohl recht. Aber weißt du was komisch ist? Jedes Mal, wenn wieder eines der Regale umstürzt, finde ich beim Aufräumen dieses Buch hier', sagte die Blondine und versuchte meine Deckel wieder gerade zu biegen.
'Welches Buch?'
'Es fiel mir auf, weil es der ‚Der Büchermord' heißt! Ist das nicht komisch?'
'Echt? Das kann doch nicht wahr sein!'
'Wieso?', fragte die Blonde.
'Ich kenne das Buch. Graf Antonio de la Riviera! Was für ein Mann!' Die Brünette seufzte. 'Er besteht tausend Abenteuer und bricht genauso viele Herzen. Und dann stirbt er am Schluss, weil jemand ein Bücherregal auf ihn kippt. Was für ein albernes Ende für so einen Helden!'
Sie nahm mich nachdenklich in die Hand, strich über meinen Rücken und stellte mich dann zurück ins Regal.
 
Kommentar der Jury:

Mordende Körper

Das Buch wird zum mordenden Körper, das unflätig behandelt wurde und nun einen bösen Körper in Gestalt eines wuchtigen Mannes im Buchladen bestraft. Die Geschichte ist ideenreich und unterhaltsam, aber ein wenig konventionell geschrieben.
 
Biobibliographie
Ruth Jahn
Lebenslauf
· Geboren 1964 in Essen
· Studium an der FH Niederrhein (Textiltechnik), danach im Bereich Verkauf Textil tätig geworden
· Lebe mit Freund und Hund auf dem Land bei Jüchen, keine Kinder

Schreiben ist schon lange mal mehr mal weniger ein Hobby von mir. Ich habe bisher zwei Romane verfasst und eine ganze Reihe Kurzgeschichten.

Veröffentlichungen:
· Story-Olympiade 2001 ('Ein kühle Sommer')
· Mehrere Geschichten im Magazin 'Romanwoche'

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