5. Literaturwettbewerb von Literatenohr e.V.
Böse Körper und Gestalten
(Mai 2002)


4. Preis


Sandra Niermeyer

Wir

Von außen sehen wir alle gleich aus. Schwarzer Anzug, Hut, aufrechte Haltung. Wir sind alle bei einem Verein eingestellt, bei welchem, ist ein Geheimnis. Wir heißen alle gleich. Karl heißen wir. Einen Nachnamen haben wir nicht. Wir kennen uns alle gegenseitig, aber wir wissen nicht, wieviele wir sind. Wir dürfen nicht wissen, wieviele wir sind, das wäre unser Tod. Jeder, der es herausbekommt, wird erledigt und durch einen anderen ersetzt. Manche legen es darauf an, die Zahl herauszubekommen. Selbstmörder, die dem Verein entfliehen wollen. Sie flüstern die Zahl in das Ohr ihres Nachbarn und töten ihn dadurch mit. Ständig leben wir in Angst, daß unser Nachbar zu den Mitwissern gehören und uns eine Zahl ins Ohr flüstern könnte. Ich habe meine Ohren mit Stricknadeln zu durchstoßen versucht. Sie wurden mir weggenommen, Waffen darf hier keiner tragen. Wenn unser Nachbar einen Schritt näher kommt, gehen wir einen Schritt zurück. Woher sie den Ersatz für die Selbstmörder nehmen, wissen wir nicht, jeder neue sieht genauso aus wie wir, er bekommt den Anzug des Toten, er sitzt wie angegossen.
Im Gleichschritt gehen wir die Straße entlang. Unsere Schritte hallen in unseren Ohren. Nicht hinhören, die Anzahl der Schritte könnte die Anzahl der Füße verraten. Wir summen vor uns hin, um das Geräusch zu übertönen. Wir ballen die Fäuste in unseren Taschen, wir haben einen Auftrag. Welchen, wird uns nicht verraten. Früher hatten wir einen Nachnamen, er wurde uns weggenommen. Ich habe ihn verdrängt, ich darf ihn nicht wissen. Er gehört zum Geheimnis.
Mein Nachbar kommt auf mich zu, er spitzt den Mund wie zu einem Flüstern.
 
Kommentar der Jury:

Entkörperung

Die totale Vereinnahmung bestimmt den Duktus von Sandra Niermeyers 'Wir'. Es gibt kein Ich, keine Namen, Einzelkörper und ľkleidung, nur die Gruppe. Wer die Anzahl der Mitglieder herausfindet, muß sterben. Daher ist Taubheit die einzige Möglichkeit, dem Tod zu entkommen, aber auch das totale Verschwinden in der Masse der Entindividualisierten.
 
Biobibliographie
Sandra Niermeyer
Sandra Niermeyer wurde am 19.07.1972 in Melle/Niedersachsen geboren und lebt in Bielefeld. Sie schreibt seit 2001 Kurzgeschichten und Erzählungen. Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturzeitschriften. 2001 war sie Preisträgerin beim Jugendwettbewerb des Freien Deutschen Autorenverbandes (FDA), 2002 Förderpreisträgerin der Gesellschaft zur Förderung der Westfälischen Kulturarbeit (GWK) und Preisträgerin des Würth-Literaturpreises.

Kurzgeschichte 'Klettergerüst' in der Anthologie 'Angsthasen' vom Geest-Verlag ISBN 3-934852-70-X
Kurzgeschichte 'Walpurgisnacht' in der Anthologie 'Moral' Hrsg. Jens Neuling (Maskenball), VIRPRIV-Verlag ISBN 3-935327-17-X
Kurzgeschichte 'Meistens Blasphemie' in der Literaturzeitschrift Wortspiegel vom Bürgerverein Berolina/Berlin (Heft 19/01) (Thema Vorurteile)
Wochengewinnerin beim Literaturwettbewerb Grüne Feder, Thema 'Im Netz' - Frauenliteratur, von justbooks (Internetveröffentlichung) Titel der Kurzgeschichte: 'Im Cafe'
Preisträgerin beim Jugendwettbewerb 2001 vom Freien Deutschen Autorenverband (FDA) in der Sparte Prosa (3. Platz); Titel der Kurzgeschichte 'Wartesaal'
Erzählung 'Abends' in Literaturzeitschrift 'Konzepte' Ausgabe Juni 2002 GWK-Förderpreis 2002
Würth-Literaturpreis 2002, Thema 'Enemies A Love Affair'
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