5. Literaturwettbewerb von Literatenohr e.V.
Böse Körper und Gestalten
(Mai 2002)


4. Preis


Ulrike Bäumchen

zwei martini

das sektglas mit zwei fingern hin- und herschiebend, saß er an der theke auf einem dieser unbequemen barhocker und trank in kleinen schlucken, wobei er das glas mit eben den fingern hob, die es anschließend immer wieder über den tresen bewegten. der maßanzug war vom gleichen eisgrau wie die haare; 'edler zwirn und edler typ', dachte marlo, die ihn schon länger beobachtete.
es war dienstag, der tag, an dem sie immer in diese bar ging; man kannte sie dort und der keeper hatte ihr ohne zu fragen einen sehr trockenen martini zugeschoben, mit dessen olive sie heute etwas kämpfen musste, ehe der leicht salzige geschmack sie zufrieden stellte. ihr ziel verlor sie trotzdem nicht aus den augenwinkeln, drehte fast unmerklich den kopf etwas nach links, bis das eisgrau in ihr reflektierte.
der mann schien dies bemerkt zu haben, wandte sich, sein glas erhebend und lächelnd, ihr zu. auch seine augen waren anzugfarben, hatten dieses sehr seltene, wissende, jahrhundertalte grau, das leuchtete. er deutete auf den platz neben ihm, neigte bittend den kopf und legte eine hand, wie um verständnis bittend, geöffnet auf den barhocker. marlo zierte sich nicht länger, langsam ging sie auf ihn zu, schob den engen rock etwas hoch und setzte sich schwungvoll dorthin, wo seine hand gelegen hatte. der keeper brachte ihr den zweiten martini, in dem die olive leuchtete wie ein grünes auge; diesmal nahm sie die finger zu hilfe und schob die olive ganz langsam auf die zunge. der eisgraue sah mit ehrlicher gier auf marlo, die nun provozierend langsam den mund schloss und genüsslich kaute, ihr glas umfasste und den martini in einem zug austrank.

das jazztrio spielte 'japanese sandman', so wie jeden dienstag nach ihrem zweiten martini, sie spürte die hand des mannes in ihrem rücken und ließ sich willig vom barhocker gleiten und zur tanzfläche führen. eng an ihn gepresst, seinen sektatem an ihrem hals spürend, gab sie sich seiner führung und der musik hin, wissend, dass sowohl der mann als auch das nächste musikstück ihr gehörten und das trio nickte ihr - ebenso wissend - zu. 'in the mood' ließ ihre beine zucken, sie nahm die arme vom eisgrauen rücken, schleuderte ihre schuhe zur seite und tanzte allein um den mann herum, der das anfängliche bemühen, sie wieder zu fassen zu kriegen, inzwischen aufgegeben hatte und reglos verharrte.
beim letzten ton sammelte sie die schuhe ein, zog ihren tanzpartner zum barhocker, zwei gefüllte gläser warteten schon und, leicht erhitzt, trank sie das glas sekt des mannes, ohne auch nur einmal zu schlucken, aus, seinen wortlosen protest missachtend. der mann blickte an marlo hinunter, betrachtete intensiv ihre beine, die übereinander geschlagen und von dem dadurch nach oben gerutschten rock bis mitte oberschenkel freigelegt waren und sie bemerkte ein anerkennendes hochziehen seiner augenbraue.

beim einsetzen der musik spürte sie wieder die männerhand in ihrem rücken, die sie mit sanftem, aber unmissverständlichen druck zum aufstehen zwang und sie hielt diese hand fest, um den mann von seinem sitz herunterzuziehen. doch so sehr sie auch zog, er bewegte sich nicht von der stelle, saß auf dem hocker wie festgenagelt, nur leicht mit dem oberkörper hin- und herschwankend.
die musiker spielten plötzlich, als wären sie nicht mehr bei der sache, erst leiser, dann langsamer und einer nach dem anderen hörte auf, denn alle starrten nun hinüber zur bar. marlo schaute zu boden und stieß einen kleinen schrei aus, denn um den barhocker hatten sich bis auf den fußboden lange, eisgraue beine gewunden, immer mehr beine wurden sichtbar, wuchsen aus dem edlen zwirn und seinem träger, umklammerten wie tintenfischarme den hocker, zogen sich an der bartheke hinauf bis zu den gläsern, die klirrend umfielen, gleichzeitig fanden andere beine und füße den weg unter ihren rock, weich und geschmeidig glitten sie an marlos beinen rauf und runter, suchend und findend.
sie ließ endlich die hand des eisgrauen frei, bückte sich und versuchte, einige seiner beine zu fassen, während er mit nun überkreuzten armen über ihr thronte und lachte, als wäre das ganze völlig selbstverständlich.

nachdem marlo sich vom ersten schock erholt hatte, bat sie den barkeeper um ein messer und versuchte dann, das gewirr von eisgrauen beinen und füßen zu durchtrennen, was aber nicht gelang, weil die klinge sofort abbrach. nun kniete sie vor dem barhocker, wünschte sich ebenso viele arme wie der mann beine hatte, denn sie war nicht in der lage, das ständige wuchern der beine aufzuhalten. schließlich kroch sie auf allen vieren über die tanzfläche richtung ausgang, doch die beine hafteten an ihr wie kletten, wanden sich um ihren körper und zogen sie wieder zurück zum barhocker.
sie schaute hoch, das gesicht des mannes lachte immer noch, sein oberkörper schlingerte heftig, als er erneut zu einem sektglas griff, es umdrehte und den inhalt über den frauenkörper schüttete, der, in sich zusammengesunken, einen augenblick lang wie wehrlos auf dem boden lag. das eisgraue lachen und der sekt klatschten in marlos gesicht wie schläge, dann fühlte sie etwas weiches, warmes und sah aus fast geschlossenen augen viele füße über ihr gesicht streifen, ganz zart und vorsichtig trockneten sie es ab und zogen sich danach in die beine zurück. ja, es war, als ob die beine bei bedarf füße ausspucken würden, denn diese schnellten aus den beinen hinaus oder wieder hinein. der versuch, sich am barhocker hochzuziehen, scheiterte ebenso wie das bemühen, aufzustehen. marlo war umklammert von eisgrauen gliedmaßen und ihr blieb nichts anderes übrig, als erneut davonzukriechen.
diesmal wollte sie hinter die theke in die nähe des barkeepers, weil sie sich von ihm hilfe erhoffte, doch der stand wie festgenagelt und bewegte sich nicht von der stelle, als sie um die ecke in den schmalen thekengang kroch. sie spürte, wie der druck der umklammerung langsam nachließ, wie beine und füße sich von ihrem körper lösten, dabei ein leicht schlurfendes geräusch verursachend, und sie versuchte nun erneut, sich aufzurichten, wobei sie dem barkeeper die rechte hand entgegenstreckte und der auch endlich zu begreifen schien, worum es ging, denn er machte einen schritt auf sie zu, bückte sich und ergriff ihre hand. doch sobald seine finger an den ihren waren, fielen ihre wie welke blätter ab, rollten hin und her, und auf ihren entsetzten blick hin hielt ihr der barkeeper grinsend seine zehn finger entgegen, die sich langsam eisgrau färbten.
 
Kommentar der Jury:

Groteske Wucherungen

Bachtinisch wuchert der Leib in Ulrike Bäumchens '2 Martinis'. Ortet man das Böse zunächst in den bestechenden Verführungstechniken einer Routinedame, der ein Herr zu erlegen scheint, als überraschend die Fronten wechseln, es zu wundersamen Vermehrungen kommt und die Ermächtigung von Körperteilen über Körper seinen Lauf nimmt.
 
Biobibliographie
Ulrike Bäumchen
Irgendwann geboren im Oberbergischen, über Umwege in Much hängen geblieben. Meine Kinder sind aus dem Haus, geblieben aber sind die Katzen. Liebe das Leben, obwohl ich täglich mit ihm kämpfen muss. Wenn ich nicht gerade kämpfe, befasse ich mich mit Worten, fülle den weißen Bildschirm mit ihnen und viele Disketten. Selbst in meinem Beruf habe ich damit zu tun.

01. Förderpreis 'Lyrischer Oktober Bayreuth'
1 unter den ersten 10 beim Autorentreff NRW, Köln
2 erster Gedichtband 'In der Armbeuge des Tages'
Außerdem Veröffentlichungen in vielen Anthologien (u.a. 'Sieben Schritte Leben' neue Lyrik in NRW; 'Blitzlicht'), Zeitschriften (u.a. 'neues rheinland', 'pcetera') und im Hörfunk ('Mosaik').
Mitglied im VS
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