5. Literaturwettbewerb von Literatenohr e.V.
Böse Körper und Gestalten
(Mai 2002)


4. Preis


Hendrik Lundberg

Pornotraum

Es dauerte eine Weile, bis er sich von den Pornoheften abwandte und den Farbigen, der am anderen Ende des Raumes hinter einer Art Tresen thronte, nach den Eintrittspreisen fragte.
'Kein Problem', erwiderte der Mann freundlich, ohne sich um die Unsicherheit des anderen zu kümmern. '15 DM für alle Kinos. So lange Sie wollen.'
Dann riß er eine Karte ab und hielt sie ihm hin. Wenn er jetzt abgelehnt hätte, wäre er sich wie ein Feigling vorgekommen.
In dem Augenblick, in dem er vor die Eisentür trat, sprang diese von selbst auf. Er umfaßte den Griff seines Koffers und trat ein.
Die Treppe, die in das Stockwerk über dem Verkaufsraum führte, wurde nur von ein paar Glühbirnen hinter dunklen Plexiglasscheiben beleuchtet. Er mußte seine Augen weit aufreißen, um etwas erkennen zu können. Anstatt der erwarteten Kinos traf er auf einen verwinkelten Gang, von dem diverse Türen abgingen. Alles schien verlassen.
Eine Tür am Ende des Ganges stand offen.
Als er um die Ecke lukte, erblickte er zwei junge Kerle, die sich sofort zu ihm umdrehten. In ihm erwachten sofort Vorstellungen von Überfall und Mord. Während er den Gang zurück eilte, überlegte er, ob die beiden seinen Koffer bemerkt haben könnten. Trotzdem nahm er all seinen Mut zusammen und versuchte, eine der Türen zu öffnen.
Die Tür war verschlossen. Aber die Art, wie sie sich im Schloß hin- und herbewegen ließ, erinnerte ihn an die Umkleidekabinen des Schwimmbads, in dem er sich oft aufhielt, und er probierte eine andere Tür. Dieses Mal ließ sie sich ohne Probleme nach innen öffnen.
Dahinter befand sich ein fensterloser Raum, der so winzig war, daß die offene Tür beinahe die hintere Wand berührte. Das trübe Licht, das vom Flur hereinschien, bildete matte Reflexe auf dem Bildschirm, der in die Wand einglassen war.
Er trat ein, verschloß die Tür und schob sofort den Riegel vor. In der Dunkelheit vergewisserte er sich mehrere Male, daß die Tür auch verschlossen war. Erst als er sich wirklich sicher war, tastete er nach dem Einschaltknopf am Bildschirm. Das Stöhnen, das daraufhin an sein Ohr drang, war ihm zuerst peinlich. Er machte sich sofort Gedanken, ob es laut genug war, daß die anderen Besucher es ebenso hören konnten. Als aber kurz darauf der Bildschirm aufflimmerte, verdrängte seine Erregung diese Befürchtungen.
Er schob den klapprigen Schreibtischstuhl, der in der Ecke stand, vor die Tür und nahm auf ihm Platz. Den Koffer stellte er in den schmalen Spalt zwischen seinen Beinen und dem Bildschirm. Wenn er seine Füße auf den Koffer stellte, konnte er problemlos den Programmknopf bedienen. Obwohl die Bilder ihn so sehr erregten, daß sein Geschlecht bereits am Stoff seiner Hose scheuerte, zögerte er lange, bevor er seinen Hosenstall aufknöpfte. Er wurde das Gefühl nicht los, daß ihn der Farbige von unten die ganze Zeit durch eine versteckte Videokamera beobachtete. Über sich selbst verärgert, suchte er den Raum über sich mit seinen Blicken ab. Verglichen mit dem Rest der Kabine war die Decke unverhältnismäßig hoch. Er konnte die Umrisse einiger Spanplatten erkennen, von denen sich eine bereits teilweise aus ihrer Verankerung gelöst hatte und gefährlich weit von der Decke herabhing.
Als er schon wieder auf den Bildschirm schaute, traf ihn etwas im Nacken und fiel zu Boden. Bei dem Geräusch, das dabei entstand, dachte er sofort an eine Kakerlake und ein Schauer lief ihm über den Rücken. Für einen Moment büßte sein Geschlecht etwas von seiner Konsistenz ein. Aber etwas Gutes hatte die Sache doch. Er war sich jetzt sicher, daß über ihm keine Kamera versteckt war. Endlich fühlte er sich allein und konnte sich entspannt zurücklehnen.
Es gab um die zwanzig verschiedene Programme. Eine Weile verbrachte er damit hin und herzuschalten. Gut die Hälfte der Programme bestand aus sogenannten ´Amateuraufnahmen`. Bei diesen Filmen gab es keine Rahmenhandlung. Die Kameraeinstellung zeigte in der Regel ein Ehebett oder eine Wohnzimmercouch, auf der es dickbäuchige Ehepaare miteinander trieben. Ihm gefielen diese Videofilme nicht. Sie hatten ungefähr die Qualität seines Schrankspiegels, vor dem er ab und zu onanierte. Er konzentrierte sich mehr und mehr auf die Spielfilme, die auf den anderen Kanälen liefen. Auch wenn jeder einzelne Handlungsstrang immer wieder auf dasselbe hinauslief, steigerte das stets wechselnde Ambiente seine Erregung enorm. Er achtete sorgfältig darauf, sich nur so lange zu stimulieren, bis er kurz vor dem Orgasmus stand. Wenn er es gar nicht mehr aushielt, zwang er sich dazu, schnell umzuschalten.
Seine Geilheit beherschte ihn inzwischen so stark, daß er dem leisen Klacken, das sich immer öfter in seiner Umgebung vernehmen ließ, kaum Beachtung schenkte.
Einer der Filme erregte seine besondere Aufmerksamkeit. Die Geschichte handelte von einem Schriftsteller, der mit einem Glas in der Hand vor dem Fenster seines Luxusappartements stand und in die Nacht hinausblickte, während aus dem Off seine Stimme zu hören war.
'Ausgezerrt von den Anstrengungen meines Berufes - oder sollte ich lieber Berufung sagen, denn das Schreiben stellt für mich einen inneren Zwang dar - gönnte ich mir endlich einen Burbon. Aber die Personen aus der Story, an der ich gerade arbeitete, ließen mir keine Ruhe. Sie lebten und handelten in meinem Kopf weiter, auch wenn ich den Computer schon lange abgeschaltet hatte. Als ich gerade, den Kopf voller Gedanken, in die Nacht hinaussah, vernahm ich dieses sanfte Pochen in meinen Ohren. Ich war zu erschöpft, um es sofort mit der Zimmertür meiner Hotelsweate in Verbindung zu bringen.'
An dieser Stelle des Films verstummte die Stimme. 'Herein, wenn´s kein Schneider ist', hörte man den Schriftsteller rufen. Im nächsten Augenblick betrat eine blonde Frau im weit ausgeschnittenen Abendkleid das Zimmer. Dem Schriftsteller fiel vor Verzückung der Burbon aus der Hand und er kippte nach hinten in einen Sessel. Ohne lange zu fackeln kniete sich die Blondine vor ihn hin und öffnete seine Hose. Die folgende Großaufnahme zeigte lediglich das Geschlecht des Schriftstellers und das Gesicht der Frau.
Dies wäre eigentlich der Punkt gewesen, an dem er es nicht mehr aushielt und sich ergossen hätte. Aber irgendetwas an der Frau stimmte ihn nachdenklich. Voller Mißtrauen studierte er ihr Gesicht vor sich auf dem Bildschirm. Dieser Mund, die Art, wie sich ihre Zunge bewegte, und vor allem die Augen, die ab und zu hinter den aufgeklebten Wimpern aufblitzten, bereiteten ihm Unbehagen. Das alles erinnerte ihn an etwas, das mit ihm zu tun hatte.
Bevor er herausfinden konnte, was es war, wechselte die Einstellung und zeigte nun den Schriftsteller, der sich hinter der Frau aufgebaut hatte. Doch dann schwenkte die Kamera wieder auf die Frau. Sie schnitt wilde Grimassen und grunste. Dabei gab sie etwas wie: 'Los fick mich tiefer! Stoß ihn mir rein!' von sich.
'Mona, mein Töchterchen...' schluchzte er leise und sackte auf seinem Stuhl zusammen. Gleichzeitig erfüllte ein Geräusch, als würde jemand Sand auf eine Rutsche schaufeln, den Raum.
Er erkannte zu spät, daß er in Gefahr war. Als er nach oben schaute, traf ihn die schwarze Flut mitten ins Gesicht.
Tausende und Abertausende von Kakerlaken fielen von der Decke. Er wollte aufspringen, stolperte aber über seinen Koffer und landete mitsamt dem Stuhl auf dem Fußboden. Dabei spürte er, wie die Schaben von seinem Gewicht zerdrückt wurden. Er versuchte zu schreien. Aber sobald er den Mund öffnet, füllte sich seine Mundhöhle mit den herunter prasselnden Tierchen. Schon bald war er über und über von Kakerlaken bedeckt. Wenn er nicht ersticken wollte, mußte er sich aufrichten. Fast wahnsinnig vor Ekel und Angst versuchte er, sich frei zu schaufeln. Aber kaum hatte er einen Fuß an den Boden gebracht, rutschte er wieder aus.
Irgendwann ließ das Geräusch nach und der Strom von Kakerlaken versiegte. Stille kehrte ein. Außer dem Rascheln der herumkriechenden Tierchen und dem Stöhnen des Fernsehers war nichts mehr zu hören. Er lag unter ihnen begraben und hielt sich die Finger vor den Mund, damit er atmen konnte, ohne eines der Tiere zu verschlucken. Seine Muskeln hatten sich vollkommen versteift. Lange lag er bewegungslos da und ertrug das Kribbeln der Kakerlaken, die durch die Öffnungen seiner Kleidung krochen, wie ein Toter. Doch dann meldete sich sein Überlebenswillen und er begann, sich vorsichtig in Richtung Tür vorzuarbeiten. Er versuchte gar nicht erst, sich hinzustellen. Stattdessen zerteilte er mit den Armen die Masse der Tiere wie ein Schwimmer, der einen Sumpf durchquerte.
Als er es endlich geschafft hatte, den Riegel beiseite zu schieben, zog er mit aller Kraft die Tür zu sich heran. Während die Körper der Kakerlaken knirschend zerplatzten, vergrößerte sich der Spalt allmählich. Mehrere Male wurde er zwischen der zurückschnellenden Tür eingeklemmt, bis er sich endgültig aus der Kabine befreit hatte.
Sofort rappelte er sich auf und stürzte den Gang hinunter. Mit großen Sätzen sprang er die Treppe hinab und warf sich gegen die Eisentür, die zum Glück sofort aufsprang. Ihm schoß das Tageslicht wie ein Pfeil in die Augen.
So schnell er konnte, rannte er über die Vergnügungsmeile, die ihm in stoischer Betriebsamkeit entgegenwogte. Erst auf den Treppen der U-Bahnstation bemerkte er, daß er seinen Koffer im Kino vergessen hatte. Obwohl er bei dem Gedanken zurückzugehen am ganzen Körper zitterte, mußte er bald einsehen, daß ihm keine andere Wahl blieb.
Der Farbige thronte immer noch auf dem Barhocker hinter dem Tresen. Bevor er den Versuch unternahm, dem Kartenverkäufer von seinem Erlebnis zu berichten, fingerte er einen Moment in den Ärmeln seines Parkers. Dann streckte er seinen Arm über den Tresen und hielt die Schabe, die zwischen seinen Fingern zappelte, direkt vor das Gesicht des Mannes. 'I´m sorry', antwortete der Farbige freundlich. 'Dafür werden Sie wohl kaum eine Karte bekommen.'
Ihm fehlte die Kraft, sich auf das Spielchen des Mannes einzulassen, und er zückte sein Portemonnaie und zählte weitere 15 DM auf den Tresen. Wieder sprang die Eisentür wie von Geisterhand bewegt auf.
Diesmal wartete er, bis sich seine Augen an das Dunkel gewöhnt hatten. Dann schlich er die Treppe hinauf. Mit jeder Stufe spürte er sein Herz stärker pochen.
Der Gang im oberen Geschoß breitete sich still und menschenleer vor ihm aus. Er bewegte sich so vorsichtig, als müßte er bei jedem Schritt damit rechnen, auf eine Mine zu treten.
Die Tür seiner alten Kabine war verschlossen. Nicht eine einzige Kakerlake lag auf dem Fußboden davor. Als er versuchte, an der Tür zu lauschen, fiel sein Blick auf das Ende des Ganges, wo vorhin die beiden jungen Kerle gestanden hatten. Undeutlich erkannte er einen Gegenstand. Als er ein paar Schritte näher heranging, sah er, daß es sich tatsächlich um seinen Koffer handelte. Er hob ihn an und stellte fest, daß er sein gewohntes Gewicht hatte. Er verzichtete darauf, ihn zu öffnen, und verließ eiligst das Kino. Ohne anzuhalten, ging er in den Park am Ende des Boulevards. Erst auf der kleinen Anhöhe, von der man bis zu den Schiffen im Hafen blicken konnte, legte er den Koffer auf eine Parkbank und macht sich an den Verschlußgurten zu schaffen.
Wie es aussah, war nichts abhanden gekommen. Die Hemden und sein Jacket lagen genauso sorgfältig zusammengefaltet oben auf, wie er sie vor ein paar Tagen hineingelegt hatte. Sogar das Bündel Briefe und die goldene Armbanduhr steckten noch in den Seitentaschen. Erleichtert atmete er auf. Um sicher zu gehen, daß wirklich alles an seinem Ort war, fühlte er noch einmal mit der Hand in die Ritzen zwischen den einzelnen Wäschestapeln. Voller Ekel zog er seine Hand zurück, als seine Finger in einer der Ritzen auf eine feuchte glitschige Masse stießen. Angewidert kickte er den Koffer mit dem Fuß von der Bank, so daß sich sein Inhalt auf den feuchten Erdboden ergoß.
Das, was da zwischen zwei Unterhosen zum Vorschein kam, ähnelte einem Stück rohem Fleisch. Es hatte eine längliche Form und war an einem Ende blutig ausgefranst.
Plötzlich schoß ihm eine furchtbare Gewißheit wie ein Blitzschlag durch den Kopf.
Sofort kniete er nieder und öffnete mit zitternder Hand den Verschluß seiner Hose.
Fassungslos starrte er auf die dunkle Öffnung, die sich zwischen seinen Schenkeln auftat und aus der sich die unruhigen Fühler eine riesigen Kakerlake hervorschoben...

 
Kommentar der Jury:

Groteske Wucherungen

Sensible Männer sollten lieber nicht weiterlesen, denn der „Pornotraum" von F.H. Lundberg präsentiert kollektive Männerängste in einer Konzentration, die Spätschäden des Lesers nicht ausschließt. Das Ambiente scheint nicht ungewöhnlich: Ein Mann mit Koffer findet sich in einem Sexclub ein. Mit einer Invasion von dunklen Körpern hat der Herr allerdings nicht gerechnet, und obwohl ihm die Flucht gelingt, findet er seine Entkörperung vor - auf grausamste Weise vollzogen.
 
Biobibliographie
Hendrik Lundberg
- Mitarbeit und Veröffentlichungen von Lyrik und Kurzprosa in verschiedenen Literaturzeitungen (´Krähender Hahn`, ´Opossum`, ´Suerte` etc.).
- 2000 Veröffentlichung der Erzählung ´Der Kauz - eine surreale Erzählung westlich der Erleuchtung` im Georg Olms-Verlag (ISBN: 3-487-11277-9)
- Derzeit Arbeit an Roman mit Arbeitstitel: ´Im Netz der Freiheit`
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