5. Literaturwettbewerb von Literatenohr e.V.
Böse Körper und Gestalten
(Mai 2002)


3. Preis


Nina Blazon

Hotel

'Oh, aber natürlich, entschuldigen Sie bitte! Die Klinke ist eine Sache für sich. Schönes Muster, in der Tat, gebürsteter Stahl, ha ha. Aber kommen Sie, kommen Sie bitte, hier, über diese Treppe mit dem weichen, blauen Teppich aus kaukasischer Korsalow-Wolle. Wie er den Schritt dämpft! Wir kommen uns hier vor, als würden wir schweben. Gleichgültig, wie viele Kannen, Tabletts und Handtuchstapel unsere Zimmermädchen tragen, sie scheinen zu schweben. Ein besonderer Service unseres Hauses, dieses Schweben. Den Gästen gefällt es, und dem Hotel, nun, dem Hotel tut es auch gut. Das Kaminzimmer? Oh nein, es ist nicht renoviert. Das einzige Zimmer unseres Hauses, das unverändert ist seit - ja, seit 1825. Schöne Bibliothek, kennen Sie die Werke von Guy de Maupassant? Hier haben wir sie im Original. Mit Widmung sogar! Und der alte Kamin mit den zwei schlanken Karyatiden, den zwei Hübschen. Tragen seit über hundert Jahren ihre schöne Last, diese Platte aus rot geädertem Carrara-Marmor. Sehr, sehr selten. Jeder hat schließlich sein Päckchen zu tragen, nicht wahr? Und nun hier entlang! Voilà! Alles in bestem Zustand. Außer dem Kaminzimmer ist alles umgestaltet worden. Neues - nein, was sage ich! - neuestes Design, wohin man blickt! In einem Punkt jedoch sind wir der Tradition unseres Hauses treu geblieben: Jedes Zimmer ist einzigartig und individuell ausgestattet. Es gibt einen blauen Salon, einen 'Red Room' im altenglischen Stil und eine Hochzeitssuite ... nun, sehen Sie selbst. Vorsicht, die Türschwelle! Ha, ha, manchmal spielt ein bisschen Übermut mit. Schön, ja, das finden wir auch. Die Zimmermädchen drücken sich hier gerne herum, bringen frische Blumen, streichen über die hautseidenen Laken und wünschen sich vielleicht auch einmal ... in dieser Suite ... Hatte ich bereits erwähnt, dass es hier spuken soll? Nicht? Was für ein Fauxpas! Unser Hausgespenst zu vergessen! Eine Dame, die sich in dieser Suite das Leben nahm, gleich da drüben, am Frisiertisch, wo man sie fand, die Pistole in der Hand. Recht untypisch für eine so zarte Person. War angeblich unglücklich verliebt und hatte ausgerechnet die Hochzeitssuite gewählt, um sich aus diesem Leben zu verabschieden. Streift seitdem in den unteren Etagen herum. Mehrere Zimmermädchen und unser Concierge sind ihr begegnet ... aber ich schweife ab.
Folgen Sie mir nun die Treppe hinauf. Vorsicht, es ist ein wenig eng. Ja, wundervoll, nicht? Diese Tapeten aus lachsfarbenem Samt? Wie Sie sehen, ist der Gang an dieser Stelle so eng, dass man sie zwangsläufig streifen muss. Aus diesem Grunde Samt und nichts anderes. Stellen Sie sich vor, Sie müssten diese Treppe hinaufsteigen und eine Raufasertapete berühren! Oder diese ordinären Seidentapeten, die man inzwischen schon in jedem x-beliebigen Feld-, Wald- und Wiesenhotel findet? Unmöglich. Unbehaglich. Dagegen dies hier! Ein lachsrosa Streicheln, das den Gast umfängt wie die zarte Liebkosung eines geliebten Wesens. Und hier: Die Tür! Und das Zimmer. Oh, es ist kein besonderes Zimmer. Abgesehen davon natürlich, dass jedes unserer Zimmer etwas ganz Besonderes ist. Fällt Ihnen etwas auf? Nein? Dann richten Sie Ihren Blick doch einmal auf das Bett. Das Herz unseres Hauses sozusagen. Oder die Seele, oder der liebende Mund, wie sie wollen. Jährlich findet hier der traditionelle Pagenschmaus statt. Nun, in der Zwischenzeit greifen wir natürlich vermehrt auf Auslandspraktikanten zurück, weil das weniger Aufsehen erregt. Wir haben es auch mit verkleideten Straßenkindern versucht, aber das Hotel lässt sich nicht täuschen und spuckt sie halb verdaut wieder aus - einzig und allein aus dem Grund, uns zu ärgern, da bin ich mir sicher. Nein, nein, es muss jemand sein, der den Wunsch verspürt, hierzubleiben. Der bereit ist, mit dem Haus zu verschmelzen. Oder jemand, der eine Nacht bleiben will und nachts davon träumt, wie schön es wäre, die Mühsal des Alltags abzustreifen und sich ganz und gar in dieses Bett sinken zu lassen wie in eine Umarmung. Diese Mahlzeiten außer der Reihe versuchen wir ihm allerdings abzugewöhnen. Zuviel Umstände, Sie verstehen. Polizei, schnüffelnde Verwandte, all das. Nun ja.
Ja, Sie haben richtig gesehen! Es gestaltet sich um. Im Moment sind es rote Chintz-Vorhänge und prächtige Bordüren. Ein geradezu japanischer Kontrast zum leuchtenden Weiß der Decke. Und der Tisch steht neuerdings nicht mehr am Fenster. Nur das Bett. Ja, das Bett bleibt, wo es ist. Geliehenes Leben? Natürlich! Das ist das Flair unseres Hauses - geliehenes Leben, geliehene Seelen. Sie kommen und gehen, bleiben eine Nacht, zwei Nächte, ein kurzes Leben auf der Haltestation dieser Achterbahn, die dem Tod entgegenrast. Spüren Sie diesen Sog? Wir sind dafür da, dass alles seinen Lauf nimmt. Und ganz im Vertrauen - es macht keinen Unterschied. Minute oder Stunde, Tag oder Jahr, Ziel oder Weg ... Mit Stolz können wir sagen, dass bei uns noch nie jemand gekündigt hat. Sie kommen, schweben und bleiben. Unser Haus ist ein wundervoller, riesiger Organismus. Ein lebendiger, pulsender Polyp, wenn Sie so wollen, der heute dies ist und morgen schon etwas anderes sein kann.
Folgen Sie mir, Sie wissen ja, hier gibt es keine Büros. Wir halten es mit Walt Disney, 'Management by walking around', ha ha. Ich zeige Ihnen nun den Wintergarten im orientalischen Stil. Brandneu! Die Presse war begeistert. Vorsicht, das Tischbein - nichts weiter, ein bisschen Übermut! Kommen Sie!
Wie bitte? Woher soll ich das wissen. Danach? Nach was? Und selbst wenn - ich weiß es nicht. Vielleicht lässt es sich als kleines, verlassenes Bergdorf nieder, als Busdepot, oder - welch französisch anmutende Ironie - als Gourmet-Restaurant, wer weiß?'

 
Kommentar der Jury:

Verzehrende Körper

In freundlicher, geradezu lieblicher Gestalt erscheint uns das Böse, in das uns Nina Blazon theatralischer Monolog einführt. Das mütterlich sorgende Hotel lüstert mit liebendem Mund, der Gäste nicht nur zum Pagenschmaus verzehrt und nur verkleidete Straßenkinder enttäuscht ausspuckt. Eine interessante Variante der ‚Haunted Hotel-Stories'!
 
Biobibliographie
Nina Blazon
Jahrgang 1969, Studium in Würzburg und Ljubljana, danach Redaktionsvolontariat bei Compa Media in Stuttgart. Lehrauftrag an der Uni Tübingen, Arbeit als freie Journalistin u.a. für die Süddeutsche Zeitung, Cuxhavener Nachrichten, ELLE Plus, Firmenportraits für die Buchreihe TOP 100.

Seit 1999: Schlenker zur Werbung. Neben der Arbeit als Werbetexterin: Freie Mitarbeit bei der Stuttgarter Zeitung. Übersetzungen aus dem Slowenischen (Theaterstücke, u.a. "Hallstatt" von Drago Jancar, Slavistische Fachartikel, Rezensionen für den Schauspielführer des Hiersemann Verlages).

Das Schreiben
'Es kommt anders' (Szenische Dialog-Stories, Thema: Großstadt & Liebe)
'Kopf hoch, Salome!' (Erzählungen und Mini-Krimis, mit und ohne Mord)
'SiebenGeschichten' (Gespenstergeschichten)
'Noch mehr SiebenGeschichten' (Genau!)
'Das Dorf' (Mosaik-Roman, 120 Seiten)
'Die Quelle der Skaardja' (Jugend-Fantasy-Roman, 420 Seiten)
Außerdem drei Theaterstücke (aufgeführt in Würzburg und Tübingen)
Und vieles mehr, das in Arbeit ist...

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