5. Literaturwettbewerb von Literatenohr e.V.
Böse Körper und Gestalten
(Mai 2002)


2. Preis


Stefanie Stegmann

Der Plan

Saal: Ihr Steißbein drückt. Unfähig, noch länger zu sitzen. Eine amerikanische Ikone an der Wand: projiziert. Prof. K. spricht. Mitschriften mit Eselsohr. Ein BH-Träger schält sich wie ein Streifen Spargelhaut aus dem Shirt. Otto Dix wird mit Grant Wood verglichen. Ihn vergleicht sie mit niemandem. Ihr Steißbein drückt weiter. Mitten im Raum stechen zwei Säulen in die Hörsaaldecke. Lichtspieße durch herabgelassene Jalousie dringen durch ihre Netzhaut. Spieße wie Speere, die Luft zerschneiden. Ihr Pullover liegt zu ihrer Rechten. Ein Häufchen halbe Hemisphäre. Sie könnte es in Alkohol einlegen. Einlegen.

Spielerei: Konservieren. Konservare. Konservatorium. Laboratorium. Moratorium. Moratur. Mord.

Bei ihm: In seinem Bett aufgewacht; drückende Schwüle stoppt nicht vor dem Fenster. Aufgestanden, Schweiß rinnt ihr den Rücken herunter, hängt in den Wimpern, perlt an den Schläfen ab. Das Atmen fällt schwer. Die Einkaufsliste grinst dämonisch von der Pinnwand herab. Durchgeweicht am Milchkühlregal. Milch ist ausverkauft. Ein Loch in der Kühle.

Traum: Von einem Papagei, der immer wieder an ihrer Kehle schnäbelte, schnabulierte und fabulierte, bis er seinen Schnabel in ihren Hals hub.

See: Gras, Gras. Er kommt, legt sich zu ihr. Mit ihm: Wolkeninfanterie. Turbulenzen in Luft. Mit ihm: die Situation unerträglich. Fette Tropfen klatschen auf ihre Körper. Sie schwingt sich zum See: Von Grashalm zu Grashalm. Schwimmt weit raus. Saltomortalischer Wolkenbruch. Dunst auf den Wassermassen, Tropfen werden Hagelkörner, der See springt. Er steht reglos unter den Bäumen. Warme Pfützen. Der Himmel pisst. Eiskugeln im Gras. Er zuckt die Schultern, dreht sich, geht. Ihr Blick begleitet seinen Rücken bis in den Wald hinein. Lange hat sie noch gewartet.

Tisch: Feuchter Ton und gefesselte Hände. Glasige Augen auf braunem Grund. Knete, knete, Margarete. Er will ihr nicht gelingen. Dabei steht sein Bild vor ihren Augen. Wenn er sich nur endlich einmal umdrehen würde. Gicht in den Fingern. Mit der Stahlschnur 16 kleine Quader aus einem großen. Sauber gearbeitet. Ein Plan entsteht.

Club: Momente schäumenden Übermuts: abwesend. Toilettenflucht. Sehnsucht nach Stille. Auf der Brille hockend, längst fertig. Arsch nie wieder erheben. Er könnte kommen, sie ohne ein Wort zu sagen hinaustragen. Später: ihr Gesäß tanzt in die Jeans gepresst wieder. Der Kopf sitzt gerade. Er ist da, doch kommt er nicht.

Kneipe: wohlige Luft, fruchtwasserwarm. Abtauchen. Die Lichterkette tanzt einen Kinderreigen. Blassblau ist noch der Himmel. Stimmengewirr zerstreut ihren Geist: nicht aber den Plan. Skizzen entstehen. Sie sitzt auf der blauen Holzbank. Die Maserung tritt deutlich hervor. Alle Astlöcher zu erkennen. Luft quillt verschwenderisch. Ist schwanger von Sommerdüften. Blumige Gerüche verzieren den Plan: Hergang der Tat auf dem Papier. Flüchtigkeiten eines Sommerabends: Ziehen durch ihre Nase. Ein Abend als Belohnung eines unerträglich heißen Tages. Die Sonne gaukelte trunken. Beißend, schmerzend, schweißtreibend. Sie macht krank. Lähmt das Gehirn aber schärft einen Gedanken: Den Gedanken. Wer weiß um die unruhige bevorstehende Nacht.

Türschwellen: Apothekeneinbruch. Schwüle hängt schmierig in den aufgeheizten Räumen. Luft schmeckt nach Chlorophyll. Alles da. Raffen und raus hier. Der Himmel verfärbt das Blasse: Die Nacht wird marine eingeläutet. Als sie klingelt. Er öffnet. Sie tritt ein. Schon in aller Frühe am nächsten Morgen: die Hitze wird zurückkehren. Die Margarine schon vor dem Bestreichen des Toasts schmelzen und das Nutella widerwärtig glänzen. Neugeborene Schweißperlen auf der Stirn. Und zwischen all dem der Plan und die wenigen Stunden konzentrierte Arbeit. Zugleich: Erleichterung und Wohlbefinden.

Zimmer, das eigene: Der Schwefelkopf ihres Streichholzes verletzt ihre Augen: so hell! Die Glut der frischen Zigarette frisst sich durch den Tabak. Sie sitzt auf ihrem Bett. Er liegt daneben. Sieht aus wie: An den Teppich genagelt. Ihr Brustkasten flimmert kurzatmig im Korsett. Das Aquarium ist geleert und gereinigt. Mal nichts denken: (). Die Stunde eilt vorüber wie alles. Nun noch den Rest. Passt alles rein. Und sieht so schön aus. Etwas blässlich die Lippen. Aber sonst.

Irgendwo: Kofferpacken, flüchten. Die Welt: eine überreife Wassermelone. Auf den Boden geschmettert. Hätte er nicht. Ja. Hätte er nicht. Er war böse gewesen.

Bibliothek: Der Kopierdeckel knarrt beim Öffnen und Schließen. Abzüge. Abgezogen. Häutungen. Es riecht nach Büchern und ihrer Zeit. Lange hat sie gewartet. Immer wieder neu gewartet. Ihr Schlüsselbund liegt auf dem runden Bistrotisch. Dahingeraffter Taubenschiss. Stadt der weißen Kaffeetassen. Kopierer im Kopf surren. Abzüge auf die Netzhaut. Und Rückzüge. Das rote Oberteil, heute. Durchgeschwitzt. Er war böse zum Schluss. Wäre er nicht böse gewesen, sie hätte sich vielleicht umentschieden. Sie kennt ihn: Nun inwendig. Endlich vorgedrungen. Musste doch irgendwo zu finden sein.

 
Kommentar der Jury:

Die Herrschaft der Objekte

Pointiert präsentiert Stefanie Stegmann den gefährlichen Kosmos der Gegenstände und der Naturphänomene. Menschliches Leben wird reduziert auf schmerzende Steißbeine, Schweiß und Netzhäute, letztere von Lichtspießen bedroht. Menschen sind vom wahren Leben ausgeschlossen, das in sinnlicher Osmose von Dingwelt und Wetter ausgelebt wird.
 
Biobibliographie
Stefanie Stegmann
Am 21.06.1974 geboren, aufgewachsen in dörflicher Umgebung im Ostwestfälischen habe ich nach meinem Abitur 1993 ein Lehramtsstudium in Oldenburg mit den Fächern Kunst, Textilwissenschaften und Germanistik aufgenommen. Im Rahmen eines Urlaubssemesters bin ich für mehrere Monate nach Indonesien und Indien verreist. Nach Abschluss meines ersten Staatsexamens im Sommer 1998 bin ich in den Promotionsstudiengang 'Kulturwissenschaftliche Geschlechterstudien' in Oldenburg aufgenommen worden und arbeite seither an meiner Dissertation zu Repräsentationen von Wissenschaft, die ich voraussichtlich im Spätsommer diesen Jahres abschließen werde. Gefördert werde ich seit Januar 2000 mit einem Graduiertenstipendium von der Rosa-Luxemburg Stiftung. Parallel dazu schreibe ich seit einiger Zeit vornehmlich für die Schubladen verschiedenster Möbelstücke meiner Wohnung Kurzprosa, gehe allerdings mit meinen Texten zunehmend an die Öffentlichkeit: Ich stehe in Kontakt mit einem lokalen Verlag, der Interesse an meinen Kurz- und Knappgeschichten hat. Zudem übernehmen eine Schriftstellerin sowie zwei LiteraturwissenschaftlerInnen der hiesigen Universität beratende Funktion, indem sie sich kritisch mit meinen Texten auseinander setzen. Darüber hinaus bewerbe ich mich hin und wieder auf den ein oder anderen Literaturpreis.
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