LiteratenOhr-Wettbewerb: Rauschen und Schwellen am Beispiel von Stadt, Land und Fluß (April 2001)
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Die Preisträger im Überblick:
Christine Thiemt
Christof Meckel
Alexandra Lavizarri
Anna Rinn-Schad
Andreas Upit
Michael Keilohr
Birgit Hofmann
Mike Stegmann
 
1. Preis (zweimal vergeben)
Christine Thiemt und Christof Meckel
 
Christine Thiemt

Salz

Die Stadt verschwindet abends nach sieben.
Das Licht der schmutzigen Glühbirne bleibt kreischend stehen. Die Leute von der Tagschicht stolpern ins Helle. Die Türen schlagen zu, Fächer, die wackeln in einer großen knirschenden Hand. Zwei oder drei Kollegen bleiben stehen, weil auf ihren Plätzen Fremde sitzen, sie angeln beleidigt nach den Halteschlaufen. Die Halteschlaufen sehen aus wie Galgenstricke. Die Fremden mustern ihre blassen Hände im Schoß.
Ionel hat seinen Stammplatz wie alle, die um diese Zeit nach Hause fahren. Ionels Platz ist rechts am Gang, direkt vor dem hinteren Ausstieg. Ein wenig zögernd schiebt er sich auf den leeren Platz am Fenster. Gewöhnlich hat Ionel einen Krimi dabei oder eine Zeitung, in der er blättert, bis er aussteigen muß, aber diesmal hat er keine rechte Lust zum Lesen, noch dazu in dem trüben Licht. Ionel starrt durchs Fenster. Im Fenster steht Ionels Kopf. Ionels Kopf hat keinen Körper. Ionels Kopf glänzt nachtblau, in den wenigsten Wohnblocks brennt Licht, höchstens daß es in einiger Entfernung über den Fabrikschloten rötlich schimmert. Ionel starrt in seinen Kopf, der im Fenster steht und keinen Körper hat. Ionel spürt unter seinem Hals den Gedanken an die Sitznachbarin, deren Platz heute leer geblieben ist, in der Schulungsstunde und jetzt in der Bahn, die Gedanken an Gratiela, für deren Geburtstagsgeschenk es langsam Zeit wird und das er dieses Jahr nicht wird schicken müssen. Hinter dem Fahrer spielen drei Männer Karten. Ionels Körper besteht aus den Gedanken unter seinem Hals. Ionels Gesicht fährt durch die ausgelöschte Stadt. Der Fächer verbirgt die Gesichter nicht ganz. Die Türen schließen oben nicht dicht, es pfeift. Mit aufgeschlagener Schädeldecke rasselt die Straßenbahn hinter Ionels Stirn durch die Stadt, die es deshalb gibt, weil sie durch Ionels Ohren und Schläfen läuft, hinter Ionels Stirn glimmt die einzelne schmutzige Glühbirne.
Auch in der Schulungsstunde hat die Lampe bedrohlich geflackert, angeblich hat jemand vor kurzem einen strengen Verweis bekommen, weil er in der Schulungsstunde das Falsche gefragt hat. Angeblich wurde seine Sitznachbarin als unqualifizierte Kraft in die Produktion versetzt, weil sie in der Schulungsstunde überhaupt nichts gefragt hatte.
Ionel schlägt den Mantelkragen hoch und steigt aus. Die Karten in den Händen der Spieler stapeln sich übereinander. Der Fahrtwind bläst durch die Ritze über der Tür. Aus den Händen der Spieler wachsen die Wohnblocks.
Vor dem Block gegenüber parkt ein Auto des üblichen Typs und durchschnittlichen Alters. Von den Mietparteien dort besitzen nur zwei ein Auto, das eine ist weiß, das andere erkennt man an dem schiefsitzenden Kofferraumdeckel. Ionel findet das Schlüsselloch nicht sofort.
Während sich Ionel Tee kocht, hört er, wie sich die Frau nebenan ihre Schuhe abstreift und in die nächste Ecke kickt, und wie sie sich die Zähne putzt. Er grinst ein bißchen, als er sich an die Blondine mit dem ausgefransten Leopardenpelz erinnert, der die Vermittlungsstelle die Wohnung drei Türen weiter zugewiesen hatte. Erst nach ihrem Einzug hatte es sich herausgestellt, daß die Blonde Geigenunterricht gab.
Gratiela sitzt ihm gegenüber. Ionel ißt die übriggebliebenen Reste vom letzten Tag kalt aus dem Topf. Gratiela sitzt ihm beim Essen immer gegenüber, weil sie auch genau so einen Stuhl besessen hat, einen Ohrensessel, einen grünen. In dem großen, weitläufigen Innenhof ihres Hauses auf dem Land hatte Gratiela Hühner gehalten. Schon auf den alten Bildern über dem halbleeren Ehebett hatte Gratiela weißes Haar, sie war schon Ende Zwanzig schlohweiß geworden, so erscheint es Ionel jetzt nicht als Zeichen des Alters, obwohl sie inzwischen alt sein muß, er versucht heimlich die Jahre an seinen Fingern abzuzählen, sieht peinlich berührt, wie Gratielas Augenbrauen sich leicht nach oben bewegen, und er wird rot und läßt es bleiben.
Du solltest dir dein Essen zumindest warm machen, meint Gratiela. Als Junge hat Ionel fast jeden Sommer bei seiner Tante verbracht, bevor sie ihr Dorf dem Erdboden gleichgemacht hatten, wegen der Energiegewinnung oder vielleicht nur deswegen, weil es in ihrem Dorf Innenhöfe mit Hühnern gab und farbenfrohe Emailtöpfe verkehrt herum auf den Zäunen. Sie hatten eine neue Siedlung aus dem Boden gestampft, aber Gratiela hatte ihre Umsiedlung nur um ein paar Monate überlebt. Ach wo, es schmeckt so auch ganz gut, versichert er, er bietet ihr an, seine Portion mit ihr zu teilen, sie lehnt ab. Treffen sich zwei, sagt der eine, wie geht es denn so. Ausgezeichnet, sagt der andere, viel besser als morgen.
Ionel fährt zusammen, er würgt, vor ihm auf dem Tisch liegen feuchtglänzend Malvenblüten und huhnwarme Eier.
Dort, wo sein Brustbein sein müßte, scharren Schritte, fällt eine Autotür ins Schloß, das war nicht ich, das habe ich nicht gedacht. Er weicht vor dem Fenster zurück und lauscht, die Straße schweigt, Schritte tropfen auf die Treppe zwischen Ionels Kehle und Ionels Gaumen, durchsichtige Würfel wachsen auf den Stufen, sie schmecken salzig, die Kristalle hüllen Gratielas Hof ein und die Emailtöpfe und die Kirche mit dem vielfachen Mauerkranz.
Ein Brett aus dem Boden über ihm kichert. Das Flackern der Lampe in der Schulungsstunde fällt ihm ein. Warum bist du auch nicht ganz einfach tot geblieben, stöhnt er, wie bist du überhaupt hier hereingekommen. Er hört die Schritte treppauf gehen.
Beinahe wird ihm übel, als ihm klar wird, daß er eine Welt in seinem Kopf trägt. Als stünde Tante Gratielas vieltürmige Kirchenfestung unzerstörbar in ihm. Es schwindelt ihn.
Sie sind nicht seinetwegen gekommen, heute nicht, aber er weiß, daß er trotzdem nur mit einem starken Schlafmittel wird einschlafen können. Er kippt die Tabletten mit dem letzten Schluck Tee hinunter.
Die Frau nebenan nimmt eine Dusche. Für den langen, mageren Burschen von ganz oben ist es Zeit für den Dienstantritt, er setzt sich seine Uniformmütze auf. Aus der Wohnung schräg links Seite riecht es nach Fisch. Ionel steht gemeinsam mit dem Genossen Petrescu am Meer und sieht zu, wie ein Kreuzfahrtschiff gemächlich am Horizont vorbeizieht.
Ionel plätschert verblüfft in dem warmen Wasser, er leckt Salz von seinen Lippen, läßt sich in den Traum des Genossen Petrescu von der Wohnung schräg links gleiten, die Wände sind dünn genug dazu, Kartenhauswände. Die Frau hat sich in ein Frotteetuch gehüllt, Ionel und sie winken aus zwei nebeneinanderliegenden Fenstern. Der Atomkrieg ist soeben zu Ende gegangen, der Präsident von Amerika reitet auf einem Schimmel den Boulevard 1. Mai entlang, und seine erste Forderung lautet, daß der Genosse Ionel B. sofort wieder in die Partei aufzunehmen ist. Ionel grinst. Erst im Zimmer des Jungen wird ihm kalt vor Entsetzen.
Er ist auf einiges gefaßt gewesen, auf eine atemberaubende Fahrt in einem schnellen Sportwagen oder vielleicht auf die Augen seiner hübschen Lehrerin. Auf die feierliche Aufnahmezeremonie in der Universität vielleicht. Aber nicht auf diese geräuschlose Schwärze. Da ist kein Boden unter ihm, auch kein Wind auf seiner Haut. Er horcht angestrengt, ob sich wenigstens eine summende Fliege nähern würde oder ob er sein Herz klopfen hört.
Aber der Junge hat keine Träume mehr.
Womöglich sind es Tränen gewesen, das Meer.

Kommentar der Jury:

 

Die Innsbrucker Schriftstellerin und Übersetzerin Christine Thiemt lässt - gesellschaftskritisch und poetisch - Krieg und Zerstörung in surrealem Licht scheinen. Der Blick des Protagonisten aus den Fenstern der Straßenbahn kann sein Ebenbild nicht mehr finden. Hässliche Stadtfragmente treten an die Stelle des Körpers. Doch neben dem Verschwinden gibt es noch immer das Verschwundene, oder zumindest die Erinnerung daran. Vor der Vernichtung des farbenfrohen Dorfs gab es Gleichgewicht. Die Gegenstände hatten ihre freundliche Macht. Der Kampf zwischen Erinnerung und augenblicklichem Erleben führt leicht zu Kopflosigkeit. Denn äußerst feindlich steht die Welt der Gegenstände der feinsinnigen Welt im Kopf des Protagonisten gegenüber. Die Halteschlaufen in der Straßenbahn präsentieren sich als Galgenstricke; das Vorhandensein von Personen wird lediglich durch Sitzplätze markiert. Die Frage, wo die Stadt anfängt und der Mensch aufhört, wird obsolet. Die grausame Stadt schiebt sich längst über die Schwelle in den Menschen hinein, bis nur bleibt, was den Titel der Geschichte ausmacht: Salz.
 

Christof Meckel

Der Wegverzehrer

Im Herzen eines jeden hängt eine Glocke
Erklingt sie, wacht man auf
Ein neuer Tag beginnt

Ein Zug fährt auf ein Nebengleis
Es ist Winter. Zwischen den Schienen
liegt Frost auf altem Gras

Im letzten Wagon steht ein Mann
am Fenster
in der linken Hand eine Stoppuhr

Einundzwanzig. Zweiundzwanzig.
Dreiundzwanzig
Der Mann fährt sich mit dem Handrücken
über die Lippen

Der Zug steht. Es wird Nacht.
Der Mann steigt aus
Am Rande des verwaisten Feldes

ein Haus
Eine Frau öffnet die Tür

Im Herzen eines jeden schläft eine junge Elster
Verliebt man sich, wacht sie auf
Ein neuer Tag beginnt

Der Kopf des Mannes auf dem Bauch der Frau
ein Traum


von einem Steg
zu einem Weg
weckt ihn auf

Ein kalter Wind findet eine Nase
Es friert
Am Himmel eine Versammlung
in weiß

Der Mann findet eine Tomate
in seiner Manteltasche
und lächelt
Für später vielleicht
Ein Bus nimmt ihn mit

Ein Kind mit einem Hahn auf dem Schoß
sitzt in der letzten Reihe
Ich warte bis er kräht
denkt der Mann
und schaut aus dem Fenster

Auf halbem Weg ins Tal
kräht der Hahn
Das Kind erschrickt
Der Mann schluckt

Im Herzen eines jeden steckt ein Nagel
Hängt ein Bild daran, wacht man auf
Ein neuer Tag beginnt

Auf dem Rand einer Eisscholle
sitzt ein Narr
der alle Wellen zählt
die zu ihm kommen
und ihn verlassen

Zwischen den Fischen
silbern und grau
schwimmt der Mann
am Gürtel ein Säckchen mit Murmeln

Krebsrot sein Gesicht als er auftaucht
aber glücklich
Der Mann wirft Murmeln aufs Eis
Zwei fallen ins Wasser
Die kleinste bleibt liegen
in der Mitte

Der Narr hat sich verrechnet
er wünscht sich ein kleines Floß
und paddelt davon
Ich warte bis der Horizont ihn ertränkt
denkt der Mann

Die Sonne schneidet dem Narren
den Kopf ab
Die kleine Murmel beginnt zu rollen
Willkommen, sagt der Mann
und öffnet den Mund

Im Herzen eines jeden liegt ein Weg
Wird er verlassen, schläft man ein
Ein neues Leben beginnt

Am Himmel ein Versammlung
leerstehender Wolken
die Erde ist ein weißer Fleck
und der Mann packt Koffer
ich bin soweit

Ein Ballon, grün wie der Mai
wartet am Schornstein
Ein Kuss
Eine letzte Tomate
Vielleicht

Ein Halstuch mit dem Geruch
vergangener Tage
ein Kompass und ein Traum
von einem Steg
zu einem Weg
mehr kommt nicht mit

Auf dem Feld, dem verwaisten
eine verirrte Gans
Der Mann verschenkt seinen Kompass
damit sie nicht zurückfindet

Zwischen den Wolken
verwickelt sich der Mann
in Gedanken
Der Ballon steigt ohne ihn
in die Lüfte
Ich warte bis der Mond einsteigt

In einer eisigen Winternacht
reist der Mond in einer Gondel
um die Erde
In einer Wolke brennt Licht
Ein Mann verdaut seinen letzten Weg
auf einem Steg
in einer eisigen Winternacht

 
Kommentar der Jury:

 

Der junge Theaterregisseur Christof Meckel aus Bremen, kontrastiert in seinem Wegverzehrer gekonnt die Makrowelt draußen mit kleinen privaten Mikrowelten, die in ihrer bizarren Struktur eine existentielle Dimension aufweisen, so die apokalyptisch anmutende Tomate in einer Manteltasche, ein Kind, das einen Hahn auf seinem Schoß trägt und damit auch die Zeit bewacht, und verschiedene "im Herzen eines jeden" aufgehängten Gegenstände, die die Reise durchs Leben zu verursachen scheinen. Einer jedoch scheint insgeheim die Fäden zusammenzuhalten, nämlich ein Narr, der auf dem Rand einer Eisscholle sitzt und alle Wellen zählt, die zu ihm kommen und ihn verlassen. Das Zählen der Unendlichkeit versus das um ihn herum sich ereignende Gehen und Vergehen zwischen Exodus und Exitus. Die Reise trägt den Protagonisten über Schwellen des Lebens und selbst der Mond findet den Weg heraus aus der Schwerkraft. Gegenstände transzendieren sich mühelos vor sich hin, bis zumindest der Protagonist seinen Weg aus der Zeit hinausfindet.
 
Biobibliographien
 
Christine Thiemt
Ich wurde am 18. März 1965 in Innsbruck geboren. Nervte meine Umgebung mit selbst erfundenen, knapp eine Seite langen Märchen, kaum daß ich schreiben konnte, und der Spalt zwischen Bettenrost und Matratze war Deponie für meine ersten, reichlich haarsträubenden lyrischen Ergüsse. Einigermaßen ernsthaft zu schreiben angefangen habe ich schon 1980 als Schülerin, wobei diese Arbeiten - Gedichte und einige Romanskizzen - allerdings nicht mehr existieren. Meine Vorliebe für das Schulfach Englisch - und später klarerweise auch mein Übersetzerstudium an der Uni in Innsbruck - führte dazu, daß ich Gedichte bis in die neunziger Jahre hinein hauptsächlich in englischer Sprache schrieb und erst später zum Deutschen überging. Einiges verfaßte ich auch 'doppelt' in beiden Sprachen (wobei es mir durchaus Spaß bereitete, das jeweilige anderssprachige Ich mit möglichst diffizilen sprachlichen Tricksereien herauszufordern). Seit 1991 schreibe ich auch Kurzgeschichten; ferner verfaßte ich einen bis dato unveröffentlichten historischen Roman.
1988 schloß ich mein Studium ab, trat in den heiligen Stand der Ehe und übersiedelte mit meinem Mann nach Neckarsulm in Baden-Württemberg, wo ich auch heute lebe und arbeite. Für meine neueren Texte prägend wurde vor allem eine beeindruckende Reise nach Rumänien im Sommer 1998.
Ich bin Preisträgerin diverser Lyrikwettbewerbe und wurde im letzten Jahr für meine Erzählung 'Königswasser' mit dem 1. Preis des Wiener Werkstattpreises für kurze Prosa und Lyrik ausgezeichnet. Beim 1. Mellrichstädter Literaturwettbewerb im März 2001 wurde ich Dritte mit der Erzählung 'Aus der Erde'.
Folgende Anthologien, in denen Werke von mir veröffentlicht wurden, sind noch erhältlich: Stimmen von morgen im Piper Verlag (Anthologie zum Bettina-von-Arnim-Literaturpreis 1994, Kurzgeschichte 'Drei Schwestern'), Erschrick nicht vor dem Rot meiner Lippen und Südlich liegt die Sanftmut, beide Ullstein Verlag, mit Gedichten; und demnächst (Winter) die Anthologie des diesjährigen Allegra-Literaturpreises im Droemer Knaur Verlag, mit der Erzählung 'Gedächtnisprotokoll'.
 
Christof Meckel
Geboren am 19.10.1972 in Solingen (NRW)
1992 Abitur
1992 - 93 Zivildienst
1993 - 99 Studium der Kulturwissenschaften, Germanistik und Pädagogik an der Universität Bremen
1995 - 99 Jahrespraktikum bei Blaumeier, HB (Projekt Kunst&Psychatrie) Regieassistenzen im Moks - Theater Bremen (Kinder,- und Jugend- theater)
Regieassistenz bei einem Community Play in Hereford/England
Theater-Workshopleitungen in Bremen, Köln, Potsdam und Hereford
Seit 1999 Festes Engagement als Regieassistent am Bremer Theater
Spielzeit 2001/2002 eigene Regiearbeit: "Fast Fut" von Christian Martin (UA)

Bibliographische Notiz
Bisher Geschriebenes und noch nicht kommerziell Veröffentlichtes:
- Verschatten Lyriksammlung
- Movens Erzählung/Roman
- Fünf Tulpen Kurzgeschichten
- Umarmungen. Kurs I Schauspiel
- Brauchst du noch Salz? Schauspiel

Email: Christofmeckel@freenet.de
 
2. Preis

 

Alexandra Lavizarri

Über die Grenzen der Haut

Ich folgte ihm durch das Schlosstor in die weiten Wiesen, die Gärten, in gewelltes Land, an dessen Saum die Pappeln standen und mit ihren Stämmen das Gras schattig strichelten, ich folgte ihm auch dahin, warum nicht, die Neugier trieb mich, oder war es Zutrauen, ich wusste es nicht, wusste nur, dass ich ihm an jenem Tag überall gefolgt wäre, blind.
Die Sonne war gesunken, sie berührte schon den Giebel des Schlosses und streckte unsere Gestalten auf dem Rasen, stand gross in der vergossenen Röte. Sie mahnte an die Zeit, aus der wir uns fortgestohlen hatten, irgendwann, auf ein heimliches Herzzeichen hin, hatten wir unterwegs zueinander den Sprung gewagt, jenseits von Stunden, jenseits von Tagen und Nächten, dorthin, wo die Geschichten nicht an Anfängen kranken und nicht an Enden, und dennoch sagte ich, als ich unter dem Tor stehen blieb und geblendet in den Himmel schaute, es ist spät, sicher sind wir die letzten Besucher, ob es sich noch lohnen kann? Drüben aber, auf der Kuppe, schlenderte noch eine Mutter mit ihrem Kind durch die Blumen, ich sah ihren Rock sich wellen, die Haare des Knaben bei jedem Hüpfer in der Luft aufquellen und wieder über dem kleinen Kopf zusammenfallen, wünschte mir, betete, sie kämen näher und erlösten mich von seinem Blick, der sich in den meinen bohrte, der mich zwingen wollte, ihn zu erwidern, mich preiszugeben. Ich senkte die Augen und schritt ihm voraus durchs Gras, fast hätte ich ausgesprochen, worüber wir schwiegen, während wir zu den Beeten gingen und uns gemeinsam über die ersten Blüten beugten. Ich hätte es in die dunklen Kelche hauchen wollen, kaum hörbar, zwei Wörter, drei Wörter, nicht mehr, und aus dem Kelch hätte ihm das Echo entgegengerauscht, und er hätte erfahren, was er ahnte, nicht aber von mir, von der Iris hätte er es erfahren, von der Schwarzschlundigen mit dem bedrohlichen Namen Before the Storm, über die wir, aufschauend, einander betreten anlachten, weil die Wörter schon auf meinen Lippen standen, lesbar, weil sie schwer waren, so schwer, dass ich sie nicht ausstossen konnte, doch es war gut so, sie hätten mir vielleicht die Zunge gebrochen, den Zauber. Das Schweigen. Gewisse Wörter dürfen keine Stimme bekommen, sie müssen gestaltlos schweben, im Kleid der Ahnung schweben und sich jederzeit verflüchtigen dürfen. So schluckte ich sie hinunter, ungeboren, lächelte ohne Verbindlichkeit und streifte beim Vorbeigehen den violetten Samt und den Stengel, aus dem sich die Knospe wickelte, spürte die papierne Zartheit wie eine Sehnsucht unter die Haut meiner Finger fliessen. Welche Pracht, sagte ich, weil ich etwas sagen musste und meinte, ich könne mich in florale Diskussionen retten. Ja, welche Pracht, wiederholte er, und seine Hand griff nach der meinen, seine beringte Hand, die mich fortzog, an den Seakists, den Thunder Spirits und Night Games vorbei, die mich festhielt, fest, keinen Widerstand duldete. Welche Farbe, raunte er mir beim Gehen ins Ohr, welche dieser unnenbaren Farben hat es Ihnen am meisten angetan?
Wohin mit den Augen, wohin die Schritte lenken? Die Beete dehnten sich hügelaufwärts, soweit ich sehen konnte, bildeten die Blüten einen bunten Läufer, Weiss mit schäumenden Spitzen, dann wieder gesprenkelter Purpur, Zitronengelbe und Marin, und überall diese Zungen, frech und fruchtig leuchtend aus den Kelchen, über denen die Domblätter sich kräuselten. Nachtblau vielleicht, aber auch das eisige Weiss dort drüben gefällt mir, und das Schwarz mit dem rötlichen Schimmer. Nein, schüttelte ich beschämt den Kopf, Ihre Frage kann ich nicht beantworten, jede Farbe hat ihren eigenen Reiz. Ich liebe sie alle, diese Blumen, und ich danke Ihnen, dass Sie mir am Ende dieses Tages noch so Schönes zeigen.
Wir gingen den Hügel hinauf, unser Schatten tastete sich jetzt vor uns durchs Gras, nicht zwei Schatten, einer nur, breit, sehr lang, mit zwei Köpfen. Wir lasen einander unterwegs die Fantasienamen jeder Irisart aus dem Katalog vor, suchten unter ihnen die unmöglichsten und die schönsten, die passendsten und die skurrilsten, übersetzten sie, so gut wir konnten. Von Mulberry Punch über Amber Tambour bis zu Supersimmon, für alle suchten wir ein Wort in unserer Sprache, aber es gab das richtige Wort nicht, und wir liessen es sein, und dann sagte er etwas über seine Frau, etwas Liebes, und in seiner Stimme, die über die Hürde ihres Namens musste, schwang so etwas wie Scham, leise, aber ich hörte sie heraus und zuckte zusammen, sann zum ersten Mal auf Flucht.
Bei den Pappeln machten wir Halt und blickten auf den Weg zurück, den wir gegangen waren. Wir waren ernst geworden, schwiegen lange. Ich beobachtete über seinen Kopf hinweg, wie die Sonne vollends hinter dem Schlossgiebel verschwand und etwas Dunkles langsam über die Blumenfelder zog. Die weissen Iris verloren ihren Glanz. Die blauen sog die Dämmerung auf. Nur die roten und gelben behaupteten sich noch eine Weile mit ihrem Feuer, flackerten, Bodensterne geworden, hier und dort im Meer der erlischenden Blüten auf. Ich fröstelte. Ich hatte Angst.
Es wird Abend, flüsterte ich, bald fährt mein Zug. Aber ich rührte mich nicht. Ich lehnte mich an die nächste Pappel und krallte die Finger in ihre Borke, schaute dem Stamm entlang hoch in die Äste, höher in den Himmel, wollte mich im Schwarm der Staren verlieren, die über uns ihre schillernden Kreise zeichneten, wollte fliegen, fliehen. Und als sein Gesicht sich meinem näherte, als er meinen Blick suchte, fragte, warum ich nicht länger bleiben könne, fragte, als läge es an mir, eine neue Geschichte zu schreiben, eine Nebengeschichte, die übliche, da empfand ich mit einem Mal einen sonderbaren Schmerz im Körper, ein Schwellen, plötzliches Zerlaufen über die Grenzen der Haut. Mein Atem stockte, das Herz stand still. Ich glaube, es war ein Fehler, zusammen durch die Irisfelder zu gehen, wollte ich noch sagen, ich hätte nicht kommen sollen. Diese Eintracht inmitten von Blumen, sie schafft gefährliche Bindungen. Lassen Sie mich gehen, bevor es zu spät ist. Aber ich hatte keinen Mund mehr zum sprechen, keine Augen mehr, die sich in die seinen versenken konnten, schon hatte ich begonnen, mich in die Pappel zu drücken, ich fühlte ihre Schrunden und Knollen unter meinen Schulterblättern, die Triebe in meine Arme dringen, fühlte einen harzigen Angstschweiss meine Haut verkleben. Schauen Sie mich bitte nicht so an, treten Sie zurück und lassen Sie mir den Weg frei, wehrte ich stumm ab. Zu spät. An meinen Füssen waren bereits die ersten Wurzeln gediehen, mein Haar verästelte sich, und an jedem Finger, den ich zu spreizen versuchte, an jedem Gelenk sprossen frische Blätter und Knospen. Ich habe bald einen Zug, bitte, ich werde zuhause erwartet, und ihre Frau, auch Sie wartet vielleicht, bat und flehte ich, und er stand vor der Pappel, legte die Hände auf die junge Borke und streichelte sie, hörte nicht mehr, was ich ihm aus dem Mark des Baumes zuschrie.
 
Kommentar der Jury:

 

Über die Grenzen der Haut, heißt die Erzählung, in der die in Rom lebende Schweizer Autorin Alexandra Lavizarri eindrucksvoll überlebensnotwendige Schwellen zum Verschwinden bringt: die Schwelle zwischen zwei Menschen, zwischen Zeit und Raum, zwischen zwei Blicken und zwischen zwei Schatten, zwischen Sprache und Schweigen und letztlich höchst verhängnisvoll: die Schwelle zwischen Mensch und Natur. Zunächst gar nicht kafkaesk anmutend windet sich eine wortlose Liebesgeschichte über die Wege eines Blumenparadieses. Inmitten der Pracht macht sich der Blick des Geliebten selbstständig und fängt jeden Fluchtweg ein. Aus Wortlosigkeit wird Ortlosigkeit, und ehe man sich's versieht, vollzieht sich Kafkas Verwandlung unter dem vergehenden Blick des Liebhabers.
 
Biobibliographie
Alexandra Lavizarri
geboren 1953 in Basel, Studium der Ethnologie und Islamwissenschaft in Basel lebte 1980-84 in Kathmandu, Nepal; 1985-90 in Islamabad, Pakistan; 1990–95 in Bangkok, Thailand; seit 1999 in Rom, Italien. Verheiratet, Mutter von drei Kindern
Publikationen
1984 Thangkas, Rollbilder aus dem Himalaya. Kunst und mystische Bedeutung, DuMont Verlag, Köln
1990 Der Belutsche. Erzählungen. GS-Verlag, Basel
1991 Virginia Woolf. Materialien. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a./M.
1992 Warqa und Gulschah von Ayyuqi. Ein Liebesepos, übersetzt aus dem Persischen. Manesse Verlag, Zürich
1993 Am Tag des ungebrochenen Zaubers. Gedichte. Dendron Verlag, Chabrey
1999 Ein Sommer. Novelle, Zytglogge Verlag, Bern
Ankündigung: Herbst 2001 Gwen John, Rodins kleine Muse. Roman, Zytglogge Verlag, Bern
Daneben anglistische Aufsätze für die Neue Zürcher Zeitung, Buchbesprechungen für den Berner Bund, Erzählungen und Gedichte in verschiedenen Literaturzeitschriften.
 
3. Preis

 

Anna Rinn-Schad

Der Beweis
(zum Gedenken an J.S. Le Fanu)

Martin fotografierte mit der kleinen Kamera, die er zu seiner Konfirmation im Frühjahr bekommen hatte. Er trug sie immer in der Tasche bei sich. Als er aus dem Dickicht des Maisfelds heraustrat, gegen die tiefstehende Sonne blinzelnd, saß auf der gegenüberliegenden Straßenseite etwas auf einem Kilometerstein. Es war braunfellig glänzend, mit dem Körperbau und der Haltung eines kleinen Äffchens, hatte die kleinen nackten Affenhände vor sich auf die angezogenen Knie gestützt, und an der Seite ringelte ein rosiger Fortsatz herunter wie ein Rattenschwanz. Martin duckte sich blitzschnell zwischen die Maispflanzen, fingerte die Kamera aus der Jackentasche und schoß ein Foto, ohne genauer hinzusehen. Als er den Apparat wieder vom Gesicht nahm, war es verschwunden.
Martin blieb ein paar Minuten sitzen, beide Hände um die Kamera gekrampft. Sein Herz machte schmerzhafte Sprünge gegen die Rippen. Er hatte keine Ahnung, was er da gesehen hatte. Nach einer Weile steckte er den Apparat wieder ein, richtete sich auf und trat vorsichtig auf die Straße hinaus. Weit und breit war nichts Ungewöhnliches. Er schlich sich an den Kilometerstein heran, suchte ihn rundherum ab und zog prüfend die Luft in die Nase. Es roch auch nach nichts. Zu seinen Füßen suchte eine Eidechse raschelnd das Weite.
Vielleicht war das Foto ja überbelichtet.
Oder verwackelt.
Er hoffte es beinahe.
Langsam wanderte er auf die Abendsonne zu. Hinter dem kopflastigen, durchlöcherten Ortsschild rahmte ein Viereck aus Lattenzäunen ein ganz für sich stehendes Haus ein, eine flache Kate mit Spitzenvorhängen an allen Fenstern. Das Zauntor hing schief und war überwuchert mit Brombeerranken. In einer bekiesten Einfahrt parkte ein Kombiwagen.
'Was willst du denn', rief eine schrille Frauenstimme von der Haustür her. Ohne es zu merken, war er nachdenklich stehengeblieben, in der Jackentasche weiter die Kamera betastend.
'Gar nichts, guten Tag', antwortete er rasch. Er war es gewohnt, alle Leute freundlich zu grüßen; auch die, die er gar nicht kannte. Die junge Frau blieb auf der Schwelle stehen. Sie hatte schmutzige Turnschuhe an den Füßen, und ihr Rocksaum zipfelte herunter.
Martin ging am Zaun entlang weiter, um ihr aus den Augen zu kommen. Ein kleines, unregelmäßiges Stück des Küchengartens war frisch umgegraben, und der Spaten lag daneben, nachlässig ins Unkraut geworfen, als habe jemand mitten in der Arbeit die Lust verloren. Zwischen geschossenen Salatköpfen und von Schnecken zerfressenem Kohl wuchs kniehoher Schachtelhalm. Die Einfahrt stand voller Pfützen, und der Kombi war rostfleckig und hatte wie das Haus vergilbte Spitzengardinchen an den Fenstern. Auf dem Land sah man das oft. Die Wege waren weit, und die Kinder sollten während der Fahrt schlafen.
Doch nichts im Hof und in der Einfahrt wies darauf hin, daß es hier Kinder gab.

'Komisches Tier, das du da fotografiert hast', sagte die Frau in dem Fotolabor, als sie ihm die Tüte in die Hand drückte. 'Ist das ausgestopft? So eine Art Wolpertinger?' Er verbrachte den Rest des Tages in der Stadtbibliothek, das gestochen deutliche Foto neben sich. Das kleine kastanienbraune Tier hatte einen flachen, affenartigen Kopf, aber die Schnauze war länglich wie bei einem Otter, und an den Seiten stachen die spitzen Zähne heraus. Die Augen waren nach vorne gerichtet; es hatte folglich ein kleines Gesichtsfeld wie ein intelligentes Raubtier. Oben zwischen den Ohren wuchs eine nackte rosafarbene Beule hervor wie eine krankhafte Wucherung.
Es sah keinem Tier ähnlich, das er kannte, und er blätterte einen ganze Stoß Bestimmungsbücher durch, ohne daraus klug zu werden.
'Am besten wirfst du es weg', sagte er sich. Und als er die Bibliothek verließ, riß er das Foto in vier Teile und ließ sie im Hinausgehen in den Papierkorb fallen. So machten es die Wissenschaftler, wenn sie sich etwas nicht erklären konnten: sie vernichteten die Beweise, daß es existierte. Ein Foto war ohnehin heutzutage kein Beweis. In Gedanken referierte er die Menübefehle des Bildbearbeitungsprogramms auf seinem Computer zu Hause: Maske, Farbänderung, Unschärfe, Rauschen. Weg damit.
Später tat es ihm leid. Er strich tagelang um den Kilometerstein und das Maisfeld, in der unsinnigen Hoffnung, das Tier wiederzufinden.
Einmal saß er selbst auf dem Kilometerstein, als der fleckige Kombi vorbeiholperte, mit der jungen Frau am Steuer, die angespannt aufrecht saß, als sei sie das Fahren nicht gewohnt. Die Gardine am Rückfenster des Wagens war halb zurückgezogen, und als er dem Wagen nachsah, glaubte er für einen ganz kurzen Augenblick das Gesicht des fremdartigen Tiers darin zu erkennen. Die lange Schnauze sperrte offen und fletschte nadelspitze Zähne, und die rosa Beule oben auf dem Kopf schien größer geworden; sie füllte bereits den ganzen Raum zwischen den Ohren aus.
Martin riß die Kamera hoch, hielt sie schützend vor die Augen und drückte den Auslöser.
Diesmal war das Foto nicht so gelungen. Das Auto war nur als verwischter grauer Schatten zu erkennen, und die Gardine im Rückfenster hing geschlossen und löschte den Innenraum aus. Unschärfe, Rauschen.

Es wurde Herbst. Er ging in die andere Richtung, dehnte seine Spaziergänge bis zum Wald hin aus und suchte Pilze unter dem nassen Laub. Erst im späten Oktober wanderte er manchmal wieder über die Landstraße in Richtung auf das pockennarbige Ortsschild. Jetzt wußte er nicht mehr, welcher der vielen Kilometersteine der richtige gewesen war. Unter einem lag ein Strauß welker Rosen mit braun angelaufenen Palmwedeln, als sei hier ein tödlicher Unfall passiert. Doch das war bestimmt nicht der Stein, auf dem das Tier gesessen hatte.
Er schlenderte weiter, betrachtete stirnrunzelnd die Steine, setzte lässig einen Fuß vor den anderen, bis er das einzelnstehende Haus hinter dem Ortsschild erreichte. Der Kombi lungerte in der Einfahrt, rundherum mit Gardinen verhängt.
Vorsichtig schlich er näher heran und suchte durch die Scheiben zu blinzeln. Drinnen war nichts zu erkennen. Er zog sich langsam wieder zurück und schaute an dem Haus hinauf. Die vier kleinen, blinden Fenster gaben nichts preis.
Er stand so lange in Gedanken versunken da, bis die Haustür aufgerissen wurde. 'Du schon wieder?' rief die schrille Stimme von der Schwelle her, als sei er unzählige Male dagewesen. 'Was hast du hier zu suchen?' Er steckte die Hände in die Taschen und tastete nach der vertrauten, kompakten Form der Kamera. 'Haben Sie ein Haustier?' fragte er. 'Einen kleinen Hund?' Da sie den Kopf schüttelte, fuhr er hastig fort: 'Eine Katze vielleicht?'
Sie schüttelte weiter heftig den Kopf, daß die zerzausten Haarsträhnen flogen. 'Ich habe kein Haustier', rief sie. 'Ich bin hier allein!' Es klang laut und überzeugt, als bekräftige sie damit einen Sieg.
 
Kommentar der Jury:

 

Ein pockennarbiger Kilometerstein ist es, der in Anna Rinn-Schads Erzählung Der Beweis die Schwelle zur anderen Welt zu markieren scheint: zumindest jedoch zu anderen Wesen.Von Zeit zu Zeit zeigt sich hier ein sonderbares Tier, wenn es nicht gerade hinter vergilbten Spitzengardinen versteckt wird. Rinn-Schad erzählt geradeaus und klar, und trotzdem hütet sie bis zum Ende das Geheimnis des rätselhaften Wesens, das dem Leser anheimgestellt wird.
 
Biobibliographie
Anna Rinn-Schad
Geb. am 26.02.57 in Gießen. Abgeschlossenes Jurastudium, aber nur kurze Berufstätigkeit. Lebt seit 1993 auf dem Land bei Fulda und widmet sich ihren vielfältigen Interessen - Musik, Textilkunst, Lesen und vor allem ihren beiden Töchtern, die auch schreiben.
Anna schreibt hauptsächlich Erzählungen und Kurzgeschichten über ihr Lieblingsthema 'Magisches und Bizarres im Alltag'. Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften (u.a. Impressum, Fragmente, Headline) und Anthologien, (z. B. in den 'Angst' und 'Neid'-Anthologien des Sisyphos-Verlags Köln), neuerdings auch auf verschiedenen Literaturseiten im Internet.
 
4. Preis

 

Andreas Upit

Chateau de la Bahnsteig

Im Chateau de la Bahnsteig
neunzehnuhracht

schwell

schwell
ell容ll容ll
schwell容ll容ll容ll
schwell-ellell容ll
schwell-ellell容ll
schwell-ellellell
schwell-ellellell
schwell-ellellell
schwellellellell
schwellellellellschwellellellell
schwellellellellschweLLELLELL

RUMMSDIBUMMS DIE TÜR SPRINGT AUF SANKT BLASIUS MIT ZENTNERSACK SANKT VALENTIN DER MÜTZENKLAU UND RUMMSDIBUMMS DIE TÜR SCHLÄGT ZU

der Zentnersack

lippseln fünf das Zauberwörtchen

EIDERDAUS DER SACK SPRINGT AUF
es schwittert und summt
und ballarpt und brummt
wird lippig geschwülst
herzwülstig gerülpst
und küssig gefülst
beschwellte Lippen lüsten

RUMMSDIBUMMS DER SACK SPRINGT WEG

o o
o

neunzehnuhracht
im Chateau de la Bahnsteig

 
Kommentar der Jury:

 

Es arpt und ballarpt im Chateau de la Bahnsteig von Andreas Upit. Der Braunschweiger balanciert zwischen Epigonentum der Familie Schwitters und Co und musikalischer Innovation; der suggestive Rhythmus der Lautmalereien lädt zum Mittanzen ein.
 
Biobibliographie
Andreas Upit
Ich wurde 1969 geboren. Bei Hildesheim ist mir neulich das lyrische Gottvertrauen abhanden gekommen. Einen Zusammenhang zwischen beiden Daten können meine Biographen ergründen.

Ich dichte. Zu diesem Zweck bezeichne ich mich als Schriftsteller und benutze viele Notizbücher, die ich in einem Sideboard sammele.
Mein Schaffen umfaßt dies und das und Falttexte, aber auch Klebeliedchen, Gencollagen und Tuschoden.
U.a. habe ich letzte Woche die planigraphische Schreibweiseョ erfunden. Meine Arbeitsweise besteht aus einer Mischung von Bruch- und Bröckelstückeln, Reimleimen, Aufkleben, poetischem Verhunzen und zeitweiligem Verstummen.
Im Moment

andreas.upit@web.de
 
5. Preis

 

Michael Keilohr

Rauschkind

Sie kennen mich. Nicht von Angesicht zwar, denn ich bin nicht von sichtbarer Gestalt (überdies auch in meinem Wirken gar vielfältig). Doch wir sind vertraut vermittels meiner Spur, verführend meinerseits gelegt und nach meinem Willen vielfalls nachbeschritten. Ich zeige mich nicht in der Manifestation ich weise dorthin den Weg. Bin keine Form die Richtung nur. Ich bin nicht das Böse fertigen lasse ich es. Ich bin dort, wo das Selbst erschwacht unter mir. Dem Wesen gebe ich Raum zunächst, lasse es dann jenseits der Schwelle meiner vollen Wirkung implodieren in Splitter wie eine Bildschirmröhre: Nichts wird danach mehr abgebildet. Seele wird weißes Papier.
Ich bin der Rausch. Ich überschreite alle Schwellen.

Rauschhaft begleite ich zuzeiten jeden, rauschlauschig zuerst, enlargierend, anschwellend, bis über den Grenzstein herauf zur Guillotine.

Sie sind meiner Abstraktionen müde? Fallen in den Rausch dumpfer Rezeptionslosigkeit? (Stehe ich gar schon mit Ihnen nicht lediglich Ihnen gegenüber?). Nun, rauschen Sie aus diesem Tal hinan: Glaubhaft machen werde ich Ihnen meine Macht am wahren Exempel. Werde mich schauend ahnen lassen im Spiegel, mein Antlitz, häßlichstes, verzerrt. Gleichsam öle ich ein Bild der Bühne auf die Lebensleinwand, die Farben von der Palette des Schlechten: Vorhang auf für die beweisführenden Marionetten!


Der Mann am Flußufer, sitzend im ungemähten Uferbewuchs, hingeworfen neben seine Red-Puschkin-Flasche. Adressat ihrer halbgeleerten Verheißung. (Ganz richtig vermuten Sie hier mein Wirken.). In seinen geerdeten Körper blickaufnehmend den Strom, oberflächlich reflektiert das Licht von gedämpft zuckender Urbanität am Gegenufer. Dorthinter dunkles Holz am Berg, scheinwerferumschmeichelt die hineingewürfelte Burg.

Die Flamme springt heraus, zielt auf sein Gesicht, zu kurz, hält inne und beleckt das Tabakblatt. Rauch rauscht in Lungenverästelungen, gleich den Ästen im Fluß, strebt hinein in den schwellenden Brustkorb, verharrt, wird ausgepresst. Dort vertreibt er sich im Mondlicht, der Ruß, schimmert, scheint, verraucht schnell im Föhn, schnell... auch der somnambule Sportler auf dem rückwärtigen Pfad. Laufrauschend durchzieht er hingewelltes, ab- und noch niederer schwellendes, windbeströmtes Gras. Hastend, hastig auch sein Atmen, das pfeift, zischt hart und laut. Hassssstig... schwillt sein unbilliger Lärm heran an den Hockenden und bricht herein: In seine mildgetünchte Rauschessphäre, dissonant und unschön. Ein unharmonischer Zeugungsakt wie von Feuersteinen, und das Funkenkind aus dem Aufprall ist Hass, Hass auf die Häßlichkeit des Mißklanges, Unwille gegen den Störer. (Spüren Sie, wie er abgleitend mich beweist?). Dieser entrennt, betört von seinem geschwinden Fortkommen, und zieht mit sich den aufgeschwollenen Balg geräuschvollen Wirkens. Hinter ihm ist nunmehr Blick gewährt: Freisicht auf die Ärgerlichkeit des Trinkers. Hass, sonst gefahrzähmend eingefriedet von Zaunschwellen, wallt auf, überfließt die von Anstand und Wohlsinn gezogene Grenze, hinein in die Leersphäre, und schwenkt ein auf alkoholausgespülte Pisten. Feindlichkeit bricht sich Bahn im Flußbetrachter und rollt, weiß anwachsend wie ein Schneeball. Wut strebt aus dem Subjektiven hinaus, will sein Potential abladen im Außen, hinübergreifen in zweite Dimensionen.

(Sie glauben, hier ist mein Wirkungskreis abgezirkelt, denn mein Protegé werde ja nicht wild aufspringen, nicht handeln, nicht sozialwidrig irrlichtern aus nichtigem Anlaß? Sie wissen nicht um Geistesmächte, namentlich die Hasseskraft! Beschauen Sie die Mächtigen der Welt. Hass nährt die Herrschaft und zieht sie auf an seiner Brust; und Machtrausch und Hass schlafen in einem Kindsbett. Fatal, wenn solche Gesinnung kraftvoll die Klaviatur der Metaphysik bespielt. Doch ich will nicht vorgreiflich werden.)

Der Trinker, rachedurstig auch, kraft seiner Geisteswildheit, maßt sich die Befehlsgewalt über den trabenden Körper an. Der Läufer wird rennender Sklave an der langen Transzendentleine seines hassenden Herrn. Jagdwild durch Fluß, Siedlung und Welt, zum Belieben seines Meisters und unterworfen dessen Mißgunst. Zauberbewirkt rotiert er ab vom Weg. Grasspitzen stechen an seine Waden, sogleich gekühlt Fontänen sprühend im Flußwasser. Jenseits der Elementenschwelle ein noch erschrockenes Hinabtauchen in das Kalte, Schock bis zum bettgrundigen Schlick, Schreck, der Angst voranziehend impulsiver Bote.

Der Angstschwall selbst: Angst vor dem Ersticken, Schiffsmotoren über dem Haupt, rasiemesserscharfe Schraubenstöße, Anker, Rostmetallkanister, Gitter, überschlagendes Herz: Tiefenrausch.

Im Strombett für immer, scheint's, schlafend, ein Wasserleichnam. Verknocht, muskelentkleidet in altem, zerbrochenem, nicht drudenbefußtem Türrahmen: Kein Rauch in seinen Lungen, feuchtes Fließrauschen nur durch das Rippengestänge. Verwirkt die Zeit, als ein Quell von Geistesbildern sich durch unverdorrte Fingerglieder in Tagebuchseiten ergoß, sich dortselbst formelhaft gestaltete, in ergötzlichem Sprachrausche, und die Schwelle zum objektiven Außen querte. Die Schwellenhürde zum Nichtsein ist übersprungen: Rückfluchtverwehrt, wie der stromabgetriebene Nichtschwimmer.

Panikbrausen schwillt erneut an ihn heran, den Marathonen am Flußboden. Loser Kiefer des Toten, wasserbewegt, als wolle er in ekstatischem Belehren drauflosschwallen. Der gliedrige Arm leise bebend und die Schatten der Boote über dem Kahlschädel. Nun spricht er, unverstehbaren Worts, wie ein Burggespenst, vom Bergtrutz herabgestürzt. Suade rinnt im Strom, Säuseln an das Ohr des Unglückseligen, eingefesselt in den Alp und die Beine eingestockt in Grundessand. Furcht peitscht ihn, sinnbenebelnd, treibt ihn fort: Ein Sprint durch Styx, bis zum Hinanstieg.

Wasserlaufnässe aus seinen Kleidern benetzt den Rasen und läßt Erde aufquellen. Doch sein Peiniger ist unbefriedigt, definiert noch von Racherauschlustigkeit und warm von glimmendem Hass.

(Denn ich bitte Sie, meine erklärende Einmischung an dieser Stelle zu entschuldigen ich klette und klammere, ein Wegbegleiter, der nicht vorschnell losläßt. Wer mich beruft wird verpflichtet. Und so verbleibt der durch den Wodka um Seelenspielräume bereicherte, lenkende Quäler in meinen Fängen, von meinem Strudel umzogen, und läßt seinerseits nicht los die Leine an seinem Unmutsobjekt.)

Sinnend auf neue Folter, die er findet: Die Lärmbekreiselte Stadt, immerfort unrastig, gebiert urbane Ritter, Burgausgespien auch sie: Modisch visierbeschattete Mimik, Rollbretter scharf geschliffen als Schwerter, umkreisen sie das Opfer, treten näher, spiegeln sich wider, wieder in den panisch-irren Läuferaugen am Ufer...

Gestatten sie mir, mit der Schilderung hier abzubrechen. Ich bin nicht ohne Sinn für Ästhetik. Vielmehr pflege ich sie abzuschleifen, die Spitzen, Ecken und Kanten, runde das Ganze schön und unborstig und bin Gegner der Unstalt. Sodenn spare ich das entstellte Kapitel aus. Der Beweis ist geführt. Abstrus? Irrwitzig? Nein: So ist es geschehen. Vielmillionenmalig, so und ähnlich, meine helfende Förderung als Amme bei der Geburt des Bösen. Und, wie schon begonnen: Sie kennen mich. Nur nicht meine Ausgestalt. Ich komme daher im maßhaftig mir angeschneiderten Gewand des Genehmen, wenn ich die Türschwelle Ihres Selbstseins überschreite.
Ich bin der Rausch. Auf bald.


 
Kommentar der Jury:

 

Grausam spricht es aus dem Text von Michael Keilohr, einem jungen Juristen aus Heidelberg: "Ich bin nicht das Böse. Fertigen lasse ich es. Ich bin dort, wo das Selbst erschwacht unter mir." Wer ist's, der da spricht, der seine Opfer über die Schwelle führt, häufig zu tief hinein in die andere Welt, aus der Rückkehr nicht mehr möglich ist? Es ist der Rausch persönlich, das Papier des Schreibers mit dunklem Pathos überflutend, der den furchtsamen Leser oder Hörer sein Rotweinglas vom Tisch stoßen lässt, wenn es noch nicht zu spät ist.
 
Biobibliographie
Michael Keilohr
Geboren am 10. März 1977 in der Rheinstadt Düsseldorf, aufgewachsen in ihrem abendlichen Schattenwurf auf Erkrath.
1993/1994 einjährige Abseitigkeit vom deutschen Alltag unter und nahe der Sonne des mittleren Westens; Highschoolbesuch inmitten kluftiger Felsstarren der Rocky Mountains, die Great Plains und ihre an Bergausläufer brandenden Metropole Denver zu Füßen.
Nach der Rückkehr kleinere journalistische Arbeiten als Schreiberling für die 'Rheinische Post'.
1996 Abitur am Gymnasium Hochdahl.
1996/1997 elementar-intensiv erlebter Aufenthalt in den Weiten Holsteins und der Alpenbeschaulichkeit des Allgäus. Leider kaum Gelegenheit zur Kontemplation im Banne dieser Kulissen, da gleichzeitig Beitragserbringung zur Bundesverteidigungsfähigkeit.
1997-1999 Studium der Rechstwissenschaften an der Universität zu Köln.
1999 Flucht in das feine Neckarstädtchen Heidelberg, dort fortwährende Bewappnung mit juristischem Rüstzeug.

 
6. Preis

 

Birgit Hofmann

Erdbeerquark

Seit Tagen sehnen wir uns nach Erdbeerquark. Ihm gelten unsere zärtlichsten Worte. 'Stell dir das süße Zerplatzen der Erdbeeren vor', sagte Paul, als ich ihn zuletzt auf dem Flur traf. Aber seit das Wasser da ist, sind wir träge geworden. Wir gehen nicht mehr einkaufen und leben von den Mitbringseln der schlampig gekleideten Besucher, die mit eingezogenen Beinen um den Tisch am Flur sitzen und Karten spielen. Auch der Wellensittich, dessen Käfig in der Küche mit jedem Luftzug baumelt, gibt kaum einen Laut von sich. Seine Krallen umfassen angestrengter als sonst die Stange. Als es begann mit dem Wasser, hatte ich mich gerade in Tom verliebt. Ich schlich mit nackten Beinen an seinem Zimmer vorbei, und weil wir uns schämten, trafen wir uns in der Abstellkammer, wo uns die feinen Ecken des Elektronikschrottes in die Arme stachen. Ich fasste tief in Toms Haar, als wir uns das erste Mal küssten. Unsere Mitbewohner sollten nichts ahnen, deshalb stöberten wir in der Wohnung nach toten Winkeln. Das alles kommt mir lange her vor. Ich kremple meine Hose hoch und steige in das kühle Wasser. Es ist Sommer, so dass wir nicht fürchten, uns eine Erkältung zuzuziehen. Auf dem Weg zur Toilette werfe ich einen heimlichen Blick auf die Besucher und das Essen, das sie uns hinterlassen werden. Lässig eingerollter Schinken, eine Tüte M&Ms, und ein Baguette, das schon begonnen hat, sich in sich selbst zurückzuziehen. Wieder haben sie unsere Bitten um Quark und Erdbeeren ignoriert. Im Flur Licht und Hitze, und zwei Frauen, die sich Schweissperlen aus der Stirn wischen. 'Ist Tom nicht zuhause?' fragt die eine, und ich bilde mir ein, Gier zu sehen, die ihr durch den Hals auf die Lippen steigt. 'Natürlich', sage ich. Auf der Toilette trete ich mit den Füßen fest ins Wasser und grinse ein bißchen über die Spritzer, die es auf den Zeitungsseiten hinterlässt, die Julia an die Wand gepinnt hat: Stars mit halbnackten Oberkörpern und Lady Di in einem rosanen Kleid. Ich bin die einzige, die die Toilette noch aufsucht. Die Männer sind so müde geworden, dass sie aus den Fenstern oder direkt in das Wasser am Boden pissen und Julia sah ich gestern mit einem großen Topf in ihr Zimmer verschwinden. Zu Anfang war sie es, die am eifrigsten nach Ursachen für das Wasser suchte, das von Tag zu Tag seinen Pegel erhöht. Sie lag stundenlang mit abgenutzten Hemden unter der Spüle, klopfte Rohre ab, vermaß Entfernungen und verkündete schließlich, alle Rohre und Boiler seien intakt. Tom fragte die Besucher, ob der Neckar, zu dessen Füßen unser Haus liegt, über die Ufer getreten sei. Aber der anwesende Gast, der einen stumpfsinnigen Hund mit sich an der Leine führte, sagte nur, er sei politisch nicht interessiert und hätte die Tagesschau seit fünf Jahren nicht mehr angeschaut.
Wir beschlossen, dem Wasser mit Humor zu begegnen.
'Freibad ganz für umme', sagte Julia und lachte patent. 'Aufräumen muss man jetzt automatisch', sagte Paul mit einem Augenzwinkern. Wir setzten gelbe Quietscheentchen mit grellen Schnäbeln auf den Boden und wedelten mit Schöpflöffeln das Wasser auf, so dass sie keck von einem Zimmer ins andere schwammen.
Nach zwei Tagen stand das Wasser kniehoch. Es sah aus wie eine Ader, durchzogen von Schlieren aus dunkelgrauen Staubpartikeln und schleimig aufgelösten Blättern. Es blieb ohne Ton, nur nachts bildete ich mir ein, es hin und her schwappen zu hören.
An die Tür meines Zimmers tockte es, und als ich öffnete, schwang eine Flasche mit einer Nachricht Hals und Bauch herein. Ich fischte einen zusammengefalteten Zettel heraus, auf dem stand: 'Wir sollten uns nicht mehr sehen.' Ich zog mir Schuhe an und zertrat die Flasche unter dem Wasser. Mittlerweile senden wir alle uns SMS-Nachrichten auf unseren Handies. Es sind muntere Mitteilungen, deren Knappheit es nicht anstrengend macht, sie zu lesen. Meistens handeln sie von Erdbeerquark. 'In IKEA-Schüsseln, den dickbäuchigen, gelben', schreibt Paul. 'So frisch die Erdbeeren wie der Duft deines Parfums', schreibt Tom. Nur von Julia habe ich länger nichts mehr gehört. Ich vermute, ihr Handy ist in einem nachlässigen Augenblick ihren Händen entglitten und ins Wasser gefallen.
Ich erwache vom Wasser. Es benetzt meine Haut, es grabbelt darauf herum wie ein schüchterner Liebhaber, der nicht glauben kann, dass er tatsächlich zum Bett seiner Angebeteten vorgedrungen ist. Na sowas, sage ich, als verstünde das Nasse Worte. Ich denke augenblicklich an Erdbeerquark, ich denke ihn in genüßichen Einzelheiten: Erdbeerfelder, auf die die Sonne sticht, wie es rot und voll aus den Erdbeeren tropft, wenn sie zerkleinert werden, wie sie - das Fleisch von Mündern - eingerührt werden in die bleiche Farbe des Quarkes, der sich locker quirlen lässt, nicht ohne einen hauchzarten Widerstand zu bieten, und wie das fette Erdbeerrot schließlich das Quarkweiss überrumpelt, überzieht, ganz verschlingt. Das Wasser stößt in meine Träume, es wird aufdringlicher und überspült in flachen Wellen mein Bett, es saugt sich fest in den Überzügen und umschmeichelt meine Beine. Ich richte mich auf. Fast wehmütig denke ich an die Zeit, als das Wasser so niedrig stand, dass es an einigen Stellen noch in den Teppichboden sickerte. Damals war es klar und gab den Blick frei auf die zerschwommenen Gegenstände, die darunter schwebten wie Miniaturwasserleichen. Mittlerweile ist es dunkel und prall, grob und fordernd. Zum ersten Mal bin ich wütend auf das Wasser, es stört meine Ruhe. Ich bereue es, kein Hochbett zu besitzen, ich überlege, ob ich mithilfe von Decken und Kissen die Höhe zum Weiterschlafen erreichen könnte. Ich steige hinein ins Wasser, das kalt in die Beine sticht, das nach Moder riecht und nach dem Absterben alles Gewesenen. Meine Kleider werden schwer und kleben mir dicht auf der Haut. Das Wasser widersteht meinen Bewegungen, ich drücke es vor meiner Brust zur Seite, fast unmerklich habe ich begonnen zu schwimmen. Im Flur trieben die Stühle, das Telefon, sogar das Telefontischchen ist umgekippt und bewegt sich rythmisch, eingekeilt zwischen Wand und Tisch, hin und her. Die Besucher sitzen auf dem Tisch und drehen sich Zigaretten. 'Hola, wer kommt da? Ein kleiner Fisch!' scherzt der Mann mit den breiten Schultern, der vornehmlich Brokkoliauflauf mitbringt. Ein zweiter Mann und eine Frau sitzen gequetscht Arm in Arm. Die Frau grinst in meine Richtung und sagt: 'Wir sind ganz schön nützlich, wenn wir aufstehen, haut es den Tisch weg.' Ich sage mürrisch: 'schon gut!' und kämpfe mich vor bis zur Küche. Der Zwinger des Vogels ist geöffnet. 'Ich habe euch gebeten, das nicht zu tun!' schreie ich in den Flur, 'es ist zu gefährlich!' Aber ich kann jetzt nicht darüber nachdenken, ich will schauen, ob es inzwischen Erdbeerquark gibt, sie haben es wieder und wieder versprochen. Das Wasser bildet an einigen Stellen Strudel, und nur mein Kopf ragt noch aus dem Fließen hervor, das Wasser ist mächtig in Bewegung geraten, fast bin ich stolz auf so viel Dynamik. Aus dem Flur höre ich das Aufklatschen von Körpern und das Poltern des Tisches, aber Wasser ist samptpfötig und ich bin sicher, alles Laute zu halluzinieren. Ich tauche zum Kühlschrank und rüttele an seiner Tür, ich bin mir auf einmal sicher, dass es dort schon seit Tagen Erdbeerquark gibt, ich spüre in meinem Rücken eine Hand, die mich zurückreisst, und als ich durch das Wasser Tom sehe, der mit weitaufgerissenen Augen ein kleines Stück vom großen Glück gegen mich ergattern will, schlage ich paddelnd in ihn hinein. Die Kühlschranktür öffnet sich simsalabim und Blasen steigen aus unserer beider Münder als wir in seinen Schlundbauch schauen, und entgegen kommen uns nur zwei schlappe Karotten, die sofort davongeschwemmt werden, und alles sonst ist leer. Als wir auftauchen, treibt zwischen uns der tote Wellensittich, rücklings und steifgefroren. Wir schauen uns an und wissen, dass es keinen Sinn hat, ihn zu beerdigen. Müde lächeln wir uns zu. Ich mache mich auf den Rückweg in mein Zimmer, und ich sehe Tom aus den Augenwinkeln in die Richtung seines Zimmers tauchen. Ich weiss, wir werden uns noch lange und unstillbar nach Erdbeerquark sehnen
 
Kommentar der Jury:

 

Die mysteriöse Überschwemmung eines Hauses, das aus sich selbst Wasser zu produzieren scheint, mit einer unstillbaren Sehnsucht nach Erdbeerquark zu verquicken, das kann nur Birgit Hofmann einfallen. Genüßlich erinnern wir uns an die surreale Begegnung, die einst Andre Breton inszenierte: "Nähmaschine trifft Regenschirm auf dem Seziertisch" und überlassen es den Lesern und Hörern, sich an der leichtfüßig daherkommenden, aber wässrigen Herrlichkeit der Liebe und sonstigem Quark zu berauschen.
 
Biobibliographie
Birgit Hofmann
Geboren am 8.1. 1975 im netten Heidelberg; aufgewachsen im schnucklig-öden Walldorf
1994 Abitur; Graecum, Scheffelpreis (für Leistungen in Literatur; sprich: im Deutsch-LK)
Seit 1994: Studium in Heidelberg und Freiburg (Deutsch, Politik, Geschichte); M. A. voraussichtlich 2002
Schreiben:
Angefangen mit schauerlichen religiösen und Umweltgedichten, Texten über Дas Nichts" ,Widerstandskämpfer und Guerillos und Fortsetzungsromanen für die Schülerzeitung über den ersten öffentlich präsentierten Sketsch Мeeting im Meditationszentrum" (1991?) hin zu Вarbiere", der mir eine Einladung zum Оpen Mike" 1999 einbrachte
Lesungen:
In Freiburg (im Kulturcafé im Rahmen des Literaturforums Südwest; im Тwamp" für den Тwamp Poetry"; in der KTS beim Radio-Dreyeckland-Kulturfest etc.), in Berlin (plattform-Treffen 1996, 1999 beim Open Mike) und in München (Präsentation des Open-Mike-Buches) Veröffentlicht:
Hofmann, Birgit: Barbiere, in: Aufbaustudiengang Buchwissenschaft/Stiftung Preußische Seehandlung (Hrsg.): Open Mike- Die 24 Besten des siebten Berliner Literaturwettbewerbs, München 2000.
Hofmann, Birgit/Karsten, Nora/Wiedemann, Andreas: Ein Fenster zur Gesellschaft?-Geschlechterkonstruktionen in Daily Talkshows, in: Lüneborg, Margret/Herrmann, Friederike: Tabubruch als Programm. Privates und Intimes in den Medien, Opladen 2001.
Außerdem:
дiefenreinigung": einmal monatlich Präsentation und Bearbeitung eigener Texte in Radio Dreyeckland; zeitweise zu sechst; zur Zeit gemeinsam mit der literarischen Tandempartnerin" Almut Rilk
Theaterspielen: zuletzt Дas sind sie schon gewesen, die besseren Tage" von Andreas Marber im Theatersaal der Alten Universität in Freiburg Unipolitik- und Projekte
Freie Mitarbeit für Studentenzeitungen (u-asta-info) und für die Вadische Zeitnug" (Kinderseite)
 
7. Preis

 
Mike Stegmann

Rauschen und Schwellen

Keuchend stapfte er durch den frischen Schnee, ließ mit jedem Schritt und Atemzug ein Nebelwölkchen hinter sich, gleich einer Lok, die ihren Dampf in den Himmel stößt.
Er blieb stehen, lauschte, schaute sich um. Nein, er war alleine. Wer sonst, außer ihm, würde sich an einem solch polarkalten Morgen einen verschneiten Bahndamm hinaufquälen, noch dazu in profillosen Turnschuhen.
Nur noch ein paar Schritte, dann habe ich es geschafft, dachte er und verlor beinahe den Halt, als der lockere Schnee unter seinen Füßen nachgab und wie eine kleine Lawine die Böschung hinunterglitt. Er konnte sich und die Plastiktüte, die er umklammert hielt, gerade noch halten, um der kleinen Lawine nicht zu folgen.
'Verdammt!'
Warum musste es letzte Nacht nur so schneien? Morgen, ja morgen hätte es bis in alle Ewigkeit schneien können, da wäre es ihm gleich gewesen, dachte er. 'Morgen ist mir alles egal.'
Ein kurzer Blick in die Tüte - er atmete auf - der Inhalt war unversehrt geblieben. Er setzte seinen Weg zum Scheitel des Bahndammes mit Entschlossenheit fort.
'Nur noch ein paar Schritte, ein paar Schritte...'
...und er stand auf dem weißen unberührten Kiesbett eines Gleises, dass an einem Waldrand entlang geradewegs in einen Tunnel führte. Er gönnte sich einige Atemzüge, bevor er sich nochmals davon überzeugte wirklich alleine zu sein. Nein, hier war niemand, noch nicht einmal er war hier, denn er fühlte sich leer und kalt. So leer und kalt, wie die dunkle Tunnelröhre, die ihn wie ein schwarzes Loch in Mitten der weißen Winterlandschaft zu verschlingen schien.
Mit bloßen Händen befreite er eine der Schwellen vom Schnee und ließ sich mit dem Rücken zum Tunnel nieder. Ein paar mal hauchte er seinen kalten Fingern Gefühl ein, bevor er eine Flasche Whiskey aus der Tüte hervorholte. Er hatte sie für eine ganz besondere Gelegenheit aufgehoben, und diese Gelegenheit würde an diesem Morgen sein. Ein kurzer Blick auf die Uhr erinnerte ihn daran, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis der Zuge käme, der ihn von diesen Schwellen fegen würde, wie einen Schneeball, um ihn über die Schwelle des Todes in die Ewigkeit zu katapultieren. Schnell, so schnell wie es nun mal mit halb erfrorenen Fingern ging, öffnete er die Flasche und nahm einen mächtigen Schluck, als wäre es Pfefferminztee. Dann nahm er noch einen zweiten und dann einen dritten.
Was war das? War das das Rauschen des herannahenden Zuges. Nein, jetzt bloß nicht umdrehen, dachte er.
'Du bleibst sitzen, du bleibst sitzen, ein Mal in deinem verdammten Leben ziehst du eine Sache mit Erfolg durch, nur ein einziges mal.'
Angestrengt lauschte er in die Tunnelröhre, doch das Rauschen wurde nicht lauter und es kam auch kein Zug. Das war auch nicht möglich, denn es war nur das pulsierende Blut, welches angefacht von dem Feuer des sechzehn Jahre alten Whiskeys, wie ein Intercity durch seine Adern rauschte. Mit einem Gemisch aus Erleichterung und Enttäuschung nahm er einen weiteren Schluck Feuerwasser, just in dem Augenblick, als vereinzelte Sonnenstrahlen seine Augen zum blinzeln brachten...
'Warten Sie auf den Siebenuhrfünfundvierziger?'
Das Prusten hallte laut durch den Tunnel, als er sich an dem Whiskey verschluckte.
'Wer...zum Teufel..., wie bitte?'
'Der Siebenuhrfünfundvierziger wird nicht um siebenuhrfünfundvierzig kommen.' Ein hagerer alter Mann mit Schirmmütze, Schal, Stock und einem abgetragenen Wollmantel, der zwei Nummern zu groß schien, stand neben dem Gleis, dort wo der junge Mann sich niedergelassen hatte. Der Alte lächelte den jungen Mann freundlich an.
'Ich schätze, Sie werden sich noch etwas gedulden müssen, junger Mann.' Völlig überrascht von dem unerwarteten Besuch, ließ der Mann auf der Schwelle die Whiskeyflasche neben sich in den Schnee sinken. 'Woher...wollen Sie das wissen?'
'Nun, ich habe es eben im Radio gehört, oder hat es mir jemand erzählt? Ich weiß es nicht mehr, aber auf jeden Fall sind die Weichen eingefroren, es gibt Verzögerungen. Sie wissen schon, die Bahn kommt eben nicht immer pünktlich.'
Bei dem Wort 'pünktlich' zwinkerte er dem jungen Mann, der immer noch auf der Gleisschwelle saß, verschwörerisch zu, so als wolle er sagen, dass die Bahn noch nie pünktlich gewesen sei.
'Ah, und wann wird, wird...'
'...der Zug kommen? Das weiß man nie so genau. Fünf Minuten, fünf Stunden. Sie fahren wohl nicht viel mit dem Zug, was?'
'Ähm, nein. Sie etwa?'
'Nein, ist mir zu unpünktlich', sagte der Alte, worauf beide lachen mussten. 'Falls es Ihnen recht ist, können wir uns ja etwas die Zeit vertreiben, bis der Zug kommt, aber nur wenn Sie nichts dagegen haben.'
'Eigentlich, ...ich meine, ich...'
'Kommen Sie, wir können ja ein Stück den Bahndamm entlang schlendern. Wenn ich zu lange auf einem Fleck bleibe, friert mir wohlmöglich noch mein rechtes Bein fest.'
'...aber der Zug?'
'Sie können ja auf dem Gleis bleiben während wir ein Stück gehen, Sie wissen schon, damit Sie den Zug nicht verpassen. Ich, für mein Teil, möchte lieber neben dem Gleis gehen. Es ist etwas schwierig für mich mit meiner Beinprothese über die Bahnschwellen zu wandern', sagte der Alte und tippte mit Stock gegen sein rechtes Bein, welches sich hohl anhörte.
'Möchten Sie dem Zug entgegen oder doch lieber in die andere Richtung gehen?' Noch immer verwirrt von der heiteren Art des Alten und angesäuselt vom Whiskey, erhob sich der Mann langsam von der Schwelle und blickte zum Tunneleingang.
'Nicht in den Tunnel', sagte er leise.
'Was meinten Sie, junger Mann? Meine Ohren sind nicht mehr die Besten.' 'Dort lang', sagte der junge Mann und deutete vom Tunnel weg. 'Das ist gut, ich habe nämlich seit dem Krieg Probleme mit engen, dunklen Räumen', sagte der Alte sichtlich erleichtert und setzte sich hinkend in Bewegung. Der junge Mann folgte ihm etwas unsicher auf dem Gleis. Die aufgehende Sonne ließ den Schnee glitzern und schon bald wurde das schwarze Loch des Tunnels hinter ihnen immer kleiner.
'Sie waren im Krieg?'
'Ja, war eine scheußliche Zeit. Ich war kaum jünger als Sie. Wir hockten monatelang in dreckigen, dunklen Bunkern, wurden bei einem Bomberangriff eingeschlossen, verschüttet und lebendig begraben. Deshalb keine Tunnel, Sie verstehen?'
Der junge Mann nickte.
'Habe in jenen Tagen mein Bein dort gelassen. Aber besser nur mein Bein, als das, was noch mit dranhängt', sagte er und lächelte.
'Wie konnten Sie das nur durchstehen?'
'Och, es gibt Schlimmeres', sagte der Alte und machte eine abwehrende Handbewegung. Dann begann der Alte dem jungen Mann die Geschichte seines Lebens zu erzählen.
Schritt um Schritt ließen sie die Bahnschwellen hinter sich wie Lebensjahre aufgereiht an einer Perlenschnur. Zwischen dem Wirtschaftswunder und den 68ern bot der junge Mann dem Alten seinen mittlerweile eisgekühlten Whiskey an.
'Möchten Sie einen Schluck?'
'Nein danke, ich trinke seit dreißig Jahren nicht mehr, bin sozusagen trocken. Hätte mich beinahe ins Grab gebracht, zu meiner Frau.'
Der junge Mann schaute etwas verlegen auf die Flasche.
'Ich hab's nicht verkraften können, dass sie gegangen ist. Mit ihr ging unsere Zukunft, dachte ich damals. War ziemlich am Ende.'
'Und dann, was haben Sie dann gemacht?'
'Ich habe aufgehört als sie mir sagte, dass ich aufhören soll.'
'Äh, wie...,sie...sie war doch tot?'
'Sie hat in meinen Träumen zu mir gesprochen. Das tut sie übrigens heute immer noch. Und sie ist der Meinung, dass es besser wäre, wenn Sie Ihren Schnürsenkel zubinden, bevor Sie drüber fallen und sich den Kopf am Gleis aufschlagen.'
Verwirrt von der Bemerkung des Alten - oder war es wirklich der Hinweis seiner toten Frau - schaute er an sich herab, trat just auf den losen Schnürsenkel, strauchelte und fing sich wieder; jedoch verlor er die Flasche, welche mit einem lauten Knall auf dem stählernen Gleis zerbrach. 'Sehen Sie, so ein loser Schnürsenkel kann gefährlich werden. Ach, und was den Whiskey angeht, den trinkt man ohne Eis, verdirbt sonst das Aroma.' Ohne der braunen Flüssigkeit, die sich rasch mit dem Schnee vermischte, einen Blick zu schenken, stakste der Alte weiter.
'Kommen Sie, kommen Sie!', rief er dem jungen Mann zu, und wedelte mit seinem Stock.
'Und vergessen Sie den Schnürsenkel nicht!'
Immer noch sichtlich verwirrt, band der junge Mann eine Schleife und folgte dem Alten.
Als sie so einige Zeit unterwegs waren, blieb der junge Mann stehen und blickte in die Augen des Alten, die nach all den Jahrzehnten eines bewegten Lebens offensichtlich nichts von ihrem jugendlichen Strahlen eingebüßt hatten.
'Was Sie erlebt habe reicht für mehrere Leben.'
'Ja, da könnten Sie Recht haben. Mehr als einmal hätte es mit mir zu Ende sein können, und jedes mal, wenn ich vor der Schwelle des Jenseits stand und kehrt machte, war es für mich wie der Beginn eines neuen Lebens mit neuen Chancen, neuen Aufgaben und neuen Freuden. So gesehen habe ich schon einige Leben gelebt.'
Er machte eine kurze Pause, dann sagte er: 'Und von all denen ist mir das hier das liebste.'
Keiner der beiden bemerkte das Rauschen; ein Rauschen, das immer stärker wurde und welches das Herannahen eines Zuges ankündigte, eines schnellen Zuges. Eine weiße Wolke aus feinen Schneeflocken, aufgewirbelt von einer Lok, die unbeirrt ihrem Weg folgte, glitzerte in der Sonne und ließ beide Wanderer für einen kurzen Augenblick verschmelzen.
Als der Zug sich entfernt und alle Flocken wieder ihren Platz gefunden hatten, wischte sich der Alte den Schnee aus seinem Gesicht und ließ ein Lächeln zu Tage treten.
'Ich schätze, Sie haben gerade den Zug verpasst.'
Wie eine Bestätigung aus der ferne hörte man das Signalhorn des Zuges. 'Was, was ist passiert. Wieso bin ich...?'
Der Alte zuckte mit den Schulten.
'Keine Ahnung. Vielleicht war es ja der falsche Zug, vielleicht aber sind Sie vorhin an der Weiche ja auch nur vom Weg, ich meine natürlich vom Gleis abgekommen.'
'Welche Weiche?'
'Na, die Weiche dort drüben, wo Sie den Scotch abgelegt haben.'
Der junge Mann schaute, benommen vom Schock und bepudert vom Schnee, zu der Stelle zurück, an der er über seinen Schnürsenkel gestolpert war tatsächlich, dort war eine Weiche, die er offensichtlich vorher nicht bemerkt hatte. Er musste dem rechten Gleis gefolgt sein, wogegen die Haupttrasse schnurgerade aus weiter verlief.
'Wollen Sie auf den nächsten Zug warten?', fragte der Alte mit dem verschmitzten Grinsen eines siebenjährigen Lausbubs.
Der junge Mann schaute in die frech-fröhlichen Augen des Alten, atmete tief ein und schüttelte schließlich seinen Kopf. Flocken purzelten auf die Schwelle des Gleises.
'Nein...nein, ich denke nicht.'
'Sicher?'
'Sicher.'
'Gut, denn ich kann Sie jetzt nicht mehr länger begleiten. Ich habe noch etwas zu erledigen und das liegt nicht auf diesen Weg', sprach's, drehte sich um und stieg die Böschung hinab.
Noch während der junge Mann sich völlig perplex, mehr oder weniger mechanisch, den restlichen Schnee von seiner Kleidung klopfte, rief er hinter dem Alten her.
'Wieso ist ihnen dieses Leben das liebste von allen?'
Der Alte hatte schon fast den Waldrand erreicht als er sich ohne umzudrehen zurückrief:
'Weil ich es jetzt und hier lebe und weil ich mit Freude in die Zukunft blicke! Machen Sie es gut, junger Mann, in Ihrem Leben, jetzt und hier und in Ihrer Zukunft!'
Er winkte noch einmal mit seinem Stock. Dann verschwand er im Wald.

ENDE
Kommentar der Jury:

 

Zwar konventionell und etwas gediegen geschrieben, doch gut zu lesen und konsequent komponiert ist die Erzählung Rauschen und Schwellen von dem 1964 in Wattenscheid geborenen Mike Stegmann. Kurz vor dem geplanten Selbstmord auf einer Bahnstrecke einem schirmbemützten Greisen in die Arme. Zwischen Leben und Tod hin- und heroszillierend, gibt der Spaziergang auf den Gleisen der Geschichte eine überraschende Wendung.
 
Biobibliographie
Mike Stegmann
Text
 





 
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