Platz 3:  Michael van Orsouw

 

 

Egmonts Entdeckung

 

 

Das hatte Egmont noch nie gesehen. So viele Menschen am Strand. An seinem Strand. Sogar Sören, der Eisverkäufer mit dem schiefen Mund und den überdimensionierten Hosen, der sonst wie tiefgefroren hinter der Eistruhe stand und seinen Platz nie verliess, nicht einmal wenn sich die Wolken entluden, auch dieser Sören stand dort bei der Menschentraube.

Egmont konnte sonst den ganzen Strand überblicken, denn der Container der Strandwache war rundherum verglast, damit er und seine Kollegen möglichst wenig nach draussen gehen mussten, um ihrer Arbeit nachzugehen. Drinnen konnten sie windgeschützt Formel 1-Rennen, Fussball-Bundesliga oder die Direktübertragung der Tour de France gucken und gleichzeitig arbeiten: mit dem linken Auge fernsehen und mit dem rechten den Strand beobachten.

Und jetzt dieser Pulk von Menschen am Wasser. Egmont schien etwas verpasst zu haben. Sonst passierte an diesem Strandabschnitt kaum etwas: Kleine Schnittwunden an den Füssen, verursacht von gebrochenen Muscheln, behob er mit etwas Merfen, Pflaster und gespieltem Mitleid. Und ungefähr alle drei Wochen trat jemand ungeschickterweise auf eine lebende Qualle. Das brannte höllisch, doch Egmont hatte in diesen Fällen Dexchlorpheniramia griffbereit, eine schwabbelige Salbe, die den ersten Schmerz schnell verbannte – ob die Gäste daheim wieder Schmerzen hatten, war nicht seine Sache und ihm egal.

Egmont hatte zuvor mit dem Feldstecher ein wenig Ablenkung von der Langeweile gesucht und nach blanken Busen und engen Bikinis Ausschau gehalten, vielleicht hatte er deshalb die Entstehung der grossen Menschenmenge verpasst. Egmonts rechtes Auge begann zu flattern, sein Augenlid war unkontrollierbar. Das war immer so, wenn er in Aufregung geriet. Was aber selten geschehen war, seit er vor drei Jahren als Strandwächter angefangen hatte.

Eines war klar: Egmont musste nach draussen, er musste nachsehen, um was sich die Menschen scharten. Er war unsicher, ob er den Verbandskasten mitnehmen sollte, entschied sich in einem Bruchteil einer Sekunde dagegen, zog sich das grellgelbe Gilet mit dem Aufdruck STRANDWACHE über, griff nach seinem Handy, stieg in die ausgelatschten Joggingschuhe und rannte nach draussen.

Hatte sich ein Kind verletzt? Wohl kaum, denn er hörte kein Kindergeschrei.

War ein Schiff auf Ufer gelaufen? Nein, das hätte er doch gesehen.

War Michael Schuhmacher dort am Strand, und alle wollten ein Autogramm? Das konnte nicht sein, denn diesen hatte er eben noch auf dem Fernsehbildschirm gesehen, beim Grossen Preis von Monza.

Würde er auf einen Prominenten treffen, wie er sich das schon x-mal vorgestellt hatte? Auf Claudia Schiffer, Angelina Jolie – oder Harald Schmidt? Egmont konnte jetzt nicht die Füsse auf die Tischplatte legen und gemütlich nachdenken, sondern war am Rennen, er sprang über Handtücher, umkurvte Liegestühle, Zeitungen, Sonnenschirme, eingepackte Wurstbrote, Flaschen, Bierdosen, Kühlboxen, Beach Volley-Netze, Ghettoblasters, Badminton-Schläger und Windverdecke – dass die Leute ihren ganzen Hausrat an den Strand schleppen mussten!

Da kam ihm ein Gedanke, der ihm einen schweren Schlag in die Magengrube versetzte und sein rechtes Augenlid schnell auf- und abgehen liess: eine Leiche!

Das musste es sein.

Deshalb standen die Leute dort, zwar redend, aber ohne das übliche Geschrei.

Eine Leiche!

Wieso war er nicht früher darauf gekommen. Die Menschenmenge, der er sich näherte, sah eher aus wie an einer Schweigeminute als beim Drängeln für ein Ticket des Fussball-Pokalendspiels. Auch das passte.

Egmonts Schweiss rann, und seine Beine rannten noch schneller. Er konnte nur hoffen, dass die Leiche angeschwemmt worden war. Eine aufgedunsene Leiche sah zwar hässlich aus, und er hatte sich immer gewünscht, nie eine aus dem Meer fischen zu müssen. Doch das wäre ihm noch lieber gewesen, als für einen Toten auf seinem Strandabschnitt verantwortlich zu sein.

Der Schweiss tropfte, als er sich mit seinem extra laut gerufenen «Strandwache, Platz da!» einen Weg durch die Menge bahnte. Es ballten sich dort noch mehr Leute, als er gedacht hatte. Männer, und Frauen, Knaben und Mädchen – Egmont hatte keine Augen für die Details ihrer Körper oder Kleider, sondern strebte vorwärts. Er kam sich vor wie ein Urwaldforscher, der in schlammigen Morast geraten war und nun mühselig vorwärts stieg. Ihn umfächelte den Geist des Pioniers, des Retters, der er auch sein sollte. Worte wie «Hilfe kommt!» oder «Endlich!» drangen an sein Ohr.

Egmont fühlte sich angespornt und crawlte sich durch die Menge wie der Schwimmweltmeister persönlich. Dass er dabei ein Kind unsanft zur Seite stiess oder eine Frau irgendwo berührte, was ihm sonst streng verboten war, prallte an ihm ab. Dies hier war eine Notsituation, das erforderte besondere, auch unpopuläre Massnahmen, das hatte ihnen ihr Ausbildner immer wieder eingeschärft.

Dieser Carsten in den Sinn, der asketisch-drahtige Ausbildner, hatte den Job als Strandwächter verherrlicht und ihnen Sätze wie «Strandwächter ist eine Berufung, kein Beruf!» eingebleut, bis ihm Egmont sogar glaubte.

Aber nur fast. An einen anderen Satz erinnerte sich Egmont trotz der Eile: «Ich wünsche Euch Vieles, Jungs», Carsten sagte immer «Jungs», obwohl er nur etwa zehn, vielleicht fünfzehn Jahre älter war, «aber niemals einen Toten am Strand.»

Egmont äugte im Vorwärtsrennen nach vorn, da entdeckte er die tote Gestalt. Er hatte noch nie zuvor einen Toten gesehen, ausser in Filmen, am Fernsehen und in der «Bild»-Zeitung.

Egmont hielt inne, er spürte, wie das Blut durch seine Adern pulste, der Schweiss rann ihm entlang seinem Körper. Er schaute genauer hin. Das war keine Leiche eines Menschen, das war – was war das? Er sah eine undefinierbare, grosse, dunkle Masse, davor staunende Menschen, die darauf zeigten. Die Masse war dunkelblau bis schwarz, es war eine Art Fisch, einer, den er noch nie gesehen hatte: Augen, die so klein waren wie die einer Schildkröte, wie Egmont sie als Kind gehabt hatte; eine glatte Haut ohne Schuppen, aber schleimig wie ein Kröte; Seiten- und Schwanzflossen, die nur stummelhaft ausgebildet waren.

Da lag ein riesenhaftes Ding, ein Verschnitt aus Walfisch, zu gross geratenem Strandvogel und Teermasse, und alle staunten, Egmont mit eingeschlossen. Sein rechtes Auge flackerte und ihm wurde klar, dass er in der Eile vergessen hatte, seine Spiegelbrille aufzusetzen.

«Was ist das?» wollten die herumstehenden Leute wissen. Egmont stand jetzt zwischen Fisch und Menschen. «Das wollte ich Sie fragen. Ich habe auch keine Ahnung.»

Egmont log. Schon als Kind hatte er Dinosaurierbücher verschlungen, er wusste spielend einen Corythosaurus oder einen Cryolophosaurus von einem Compsognathus zu unterscheiden,  er kannte den Archaeopteryx, Deinonychosaurus, Stegosaurus, Brontosaurus, Tyrannosaurus, Brachiosaurus und einige Dutzend mehr.

Das, was hier vor ihm auftürmte, glich verblüffend einem schwimmenden Saurier, einem Peloneustes oder Liopleurodon. Nur waren diese vor rund 65'000’000 Jahren ausgestorben. Egmont war in der Schule im Lesen, Schreiben und Rechnen eine Null gewesen, aber Schwimmen und die Dinosaurier, das waren seine Spezialitäten gewesen.

Egmont wollte Zeit gewinnen. Er kniete sich hin, dadurch sah er den Teil des Mauls des Tiers, der durch die Masse des riesenhaften Körpers auf den Strand gedrückt wurde. Er versuchte die Lippen des Tiers zu öffnen, um einen Blick auf die Zähne zu erhaschen. Die Menschenmenge schaute gebannt zu. Egmont fühlte sich wie der Zirkusdompteur, der seinem Löwen den Schlund aufreisst. Die Zähne, die zum Vorschein kamen, bestätigten seine Vermutung: Ihre dreieckige, leicht nach hinten gekrümmte Form zeugten davon, dass dies ein grosses Exemplar eines Liopleurodons sein musste.

Egmont wollte diese Entdeckung nicht mit den Hunderten Menschen, die immer noch um ihn herumstanden, teilen. Nein, das sollte die Fachwelt erfahren.

Er hatte diese Entdeckung gemacht.

Er sollte dafür gefeiert werden.

Er sollte auf dem Titelbild von «Tier», «Tier heute», «Tierfreund» erscheinen: Er, der Held der Nordsee!

Zuerst musste er die Menschen verscheuchen. Dazu erhob er sich und streckte seine beiden Armen in die Höhe. «Alle herhören!» rief er und zog seine Stirn in Falten, «ich weiss zwar nicht, wie dieser seltene Fisch heisst, aber was ich sicher weiss, ist: Der Fisch ist giftig, hoch giftig!»

Das sass. Ein Raunen ging durch die Menge, das Stimmengewirr schwoll an, Egmont setzte noch einen drauf: «Der Fisch könnte verseucht sein!»

Er hielt zwei Sekunden inne, um die Spannung zu erhöhen, «radioaktiv verseucht! Verstehen Sie mich. Das könnte sehr gefährlich sein für uns alle. Bitte verlassen Sie sofort diesen Strand!»

Die Leute strömten davon, die Windschutzzelte wurden zusammengerafft, Kinderschaufeln fielen in der Eile zu Boden, einige rempelten einander an, Kinder wurden von ihren Eltern mitgezerrt. Egmont fand Gefallen an seiner Rolle als Panikmacher und schrie den Fliehenden nach: «Gehen Sie sofort nach Hause und duschen Sie ausgiebig! Hören Sie: sofort!!! Der Fisch ist giftig und verseucht!»

Zwei Minuten später war der Strand menschenleer. Die panische Flucht hatte auch diejenigen Strandgäste angesteckt, die sich vorher nicht um den Fisch gekümmert hatten. Sie hatten «Vergiftet!» oder «Verseucht!» gehört, was ihnen für einen sofortigen Aufbruch gereicht hatte. Auch Sören hatte sich aus dem Staub gemacht, die Eistheke war verwaist.

Egmont setzte sich neben den Fisch. Den linken Arm legte er auf dessen Leib, mit der rechten klaubte er sein Handy aus der Gürteltasche. Am liebsten hätte er, der sich freute wie ein Kind, den Bundeskanzler persönlich angerufen oder Michael Schuhmacher oder Angelina Jolie, um seine Freude mit ihnen zu teilen, schliesslich war er jetzt fast so prominent wie diese. Das rechte Augenlid zuckte. Ihm schien, als ob der Fisch für einen Sekundenbruchteil ebenfalls mit dem Augenlid gezuckt hatte. Egmont musste sich konzentrieren, wahrscheinlich war er etwas überspannt: Er musste nun ruhig Blut bewahren, nichts übereilen und keine dummen Fehler machen. Er steckte das Handy zurück.

Zuerst musste er das Tier an einen sicheren Ort bringen. Allein hatte er aber keine Chance, Egmont schätzte die Körpermasse auf 300, vielleicht 400 Kilogramm. Er rannte zurück zum Container der Küstenwache. Nicht mehr so hastig wie vorhin, sondern locker trabend, wie der Sprinter nach dem Sieg am Leichtathletik-Meeting. Der Strand war leergefegt, nur ein paar Möwen kreisten kreischend durch die Luft, sie sammelten die Essensreste auf, die durch das hastige Aufbrechen der Strandgäste liegengeblieben waren.

Egmont holte das dreirädrige Strandmotorrad und griff nach den langen Schleppbändern in der hinteren Ecke des Containers. Er wollte das Tier über den Strand zur alten Scheune schleppen. Er entrollte die alten Bänder und versuchte sie um das Tier zu legen. Aber der Fischleib war unförmig und schwer. Egmonts Schweiss floss in Strömen. Unter grosser Anstrengung gelang es ihm, die Bänder um das Tier zu zurren. Endlich knüpfte er die Bänder hinten an das Motorrad.

Egmont setzte sich auf den Sattel des Motorrads, kramte ein Frottiertuch aus der Motorradtasche und trocknete sich den Schweiss ab.

Dann geschah es. Das Tier bewegte sich, bevor Egmont den Motor gestartet hatte.

Zuerst unmerklich, dann immer schneller. Das Tier glitt in das Meer zurück – und mit ihm Egmont auf seinem Motorrad. Egmonts Augenlid flackerte wild. Er startete den Motor, gab Vollgas, doch es half nichts, das Tier war stärker als der Strandwächter und seine Maschine.

Seit diesem Tag gilt Egmont als verschollen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Lebenslauf Michael van Orsouw

 

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Kurzbiografie:

Geboren 1965 in Zug (CH). Gelernter Journalist und Historiker. Abschluss als Dr. phil. I. Heute tätig als Autor, Redaktor und Ausstellungsmacher.

Diverse Publikationen und Auszeichnungen. Zusammen mit Judith Stadlin bildet er das Literatur- und Theaterlabel Satz&Pfeffer.

 

Letzte Publikationen:

- «Schau, Schwyz, Schweiz. Von Mythen und Menschen.» Buch über den Talkessel Schwyz, Verlag Helden Gmbh, Zürich (März 2006, gleichzeitig auf deutsch, französisch und italienisch).

- «Die Städte-Rallye. Minimal-Geschichten, die die Landkarte schrieb.» (mit Judith Stadlin). Belletristisches Werk, Verlag Helden Gmbh, Zürich (September 2006).