2.
Platz: Sabine Raml
Die Farben des Meeres
Auf dem Schiff ist Paul alleine wie ich
an Land. Das Schiff ist groß und stolz, es passt zu Paul. Noch treffen sich
unsere Augen. Seine sind ganz dunkel geworden, vielleicht hat er getrunken,
vielleicht ist er traurig, vielleicht ist es das Licht, das seinen sonst hellen
Augen einen Streich spielt. Einen Moment starren wir uns an, schließlich
verschwimmt erst sein Gesicht und dann der ganze Paul. Immer kleiner wird er,
alles, was ihm übrig bleibt, ist ein mickriger Punkt am Horizont, der sich so
plötzlich in Nichts auflöst, dass es schmerzt. Ich schaue dem Punkt eine Weile
nach, dann wandert mein Blick zu den Möwen, die über mir kreisen wie die Geier.
So frei, denke ich, bin ich jetzt auch.
Der Hund, den Paul mir vor seiner Reise
geschenkt hat, frisst nicht mehr. Ich laufe in den Supermarkt und besorge
Leberwurst und Mettbrötchen, doch auch das lässt er achtlos liegen. Nach sechs
Tagen kommt er mir so abgemagert vor, dass ich den Tierarzt aufsuche. Der alte
Wirtz mustert mich anklagend, als er Eddies Rippen betastet.
Seit wann frisst er nicht mehr?
Seit Paul weg ist.
Der alte Wirtz schnauft wie eine
Lokomotive und verdreht genervt seine Augen. Und seit wann, bitte schön, ist
Paul weg?
Ich überlege, während der Wirtz
ungeduldig an Eddies Ohr herumzieht. Seit einer Woche.
Darauf sagt er nichts, er schüttelt nur
den Kopf und dann gibt er Eddie etwas, das wie Haferschleim aussieht. Meine
Augen schauen in den Himmel, der so blau ist wie das Meer. Ohne ein weiteres
Wort schnappe ich mir den kranken Eddie und bringe ihn nach Hause in sein
warmes Körbchen.
Der erste Brief eine Enttäuschung.
Windstärke 4, aufziehendes Gewitter, wolkenverhangener Himmel, am Hafen von H.
die Crew aufgegabelt, das schreibt Paul immer, aufgegabelt. Mehr Frauen als
Männer, mehr schöne als hässliche, eine Wohltat nach der Woche Einsamkeit.
Einsamkeit schreibt Paul Buchstabe für Buchstabe groß, er hasst das Wort wie
den Zustand, er ist niemand, der mit sich alleine sein kann. Ich zerreiße den Brief
und werfe ihn in den Bach, der an unserem Haus vorbei fließt. Ich stelle mir
vor, wie ihn spielende Kinder aus dem Wasser ziehen, wie sie sich nach jedem
einzelne Stück recken und wie sie schließlich Pauls Worte aneinander reihen,
bis sie einen Sinn ergeben
Ich male das Meer rot wie die Wut. Paul
hat seit Tagen nichts von sich hören lassen. Den Himmel male ich blau, den
Himmel kann ich heute nur blau malen, er ist der einzige, der für all das
nichts kann. Das rote Meer sieht seltsam dominant aus unter dem zarten Blau.
Tief tauche ich den Pinsel ins deckende Weiß und bestaune zufrieden mein Werk.
Eddie kommt mich holen, mein Gemale langweilt ihn,
ihm ist die Farbe des Meeres egal, er will fressen und toben und leben. Ich
laufe solange mit ihm ums Haus, bis ich keine Luft mehr bekomme. Danach male
ich Paul in das Weiß des Meeres, ich zeichne ihn im finstersten Schwarz, alles
an ihm male ich schwarz. Das ist meine Rache, denke ich, und dann lege ich mich
zu Eddie vors Körbchen und weine mich in einen traumlosen Schlaf.
In der miefigen Hafenkneipe steht er
plötzlich vor mir. Ich tanze gerade eng umschlungen mit einem Mann, dessen Name
ich nicht kenne. Pauls Augen dunkel wie beim Abschied.
Was machst du hier, fragt er mich mit
einer mir fremden Stimme, dann schüttelt er kaum merklich seinen schönen Kopf
und verschwindet in der Nacht. Später rufe ich Mutter an und lasse mir
berichten, wie alles angefangen hat mit Paul und mir. Und Mutter gerät
regelrecht ins Schwärmen. Wie gut ihr zusammen passt, brüllt sie in den Hörer.
Genug, Mutter, brülle ich zurück und drücke sie weg.
Seltsam kalt kommt Eddie mir vor, als
ich sein zotteliges Fell berühre. Ich rede ihm gut zu, doch er rührt sich
nicht. Ich weine, obwohl ich ihn nicht sonderlich mochte. Im Garten unter dem Haselnussbaum
findet er seine letzte Ruhe. Nach der Beerdigung male ich Eddie, wie er mir am
liebsten war: auf dem Rücken liegend mit einem Spielzeug im nur leicht
geöffnetem Mund, frei und glücklich. Ich male sicher und mit geübter Hand.
Eddie ist das erste Tier, das ich male, woher also meine Gewissheit? Als die
Schnauze fertig ist, klingelt es an der Tür.
Ich fühle mich frei und unbeschwert,
der Wind bläst mir um die Ohren. Paul hat mich mit auf sein Schiff genommen, es
ist viel kleiner und älter als ich vermutet habe, die Weite hat es gestreckt
und gehoben. Die Crew ist längst an Land gegangen, keine schönen Frauen mehr,
weder blonde noch brünette. Paul steht in der Kombüse und wärmt Ravioli aus der
Dose auf. Ich habe ihm den Traum von Eddies Tod erzählt und Paul hat mich in
seine starken Armen genommen und getröstet. Eddies Augen haben mich fixiert,
als habe er mir die Geschichte zugetraut. Ich habe Paul das Versprechen
abgenommen, nicht über den namenlosen Mann und seine Vorgänger zu sprechen, er
hat genickt und ein wenig geweint, der stolze Paul.
So auf dem Schiff fühle ich mich anders
als sonst, meine Farben liegen daheim, weit genug entfernt. Paul sieht es nicht
gerne, wenn ich male.
Hast du schon mal einen grünen Himmel
gesehen? hat er mich einmal gefragt und ich habe nein gesagt und ja gedacht,
natürlich war der Himmel schon mal grün, er war auch schon gelb und lila und
weiß, doch davon hat Paul keine Ahnung. Pauls Farben sind immer da, wo sie
hingehören, sein Himmel ist so blau wie sein Meer, seine Sonne immer gelb und
das Gras saftig und grün. Vielleicht liegt es am Meer, dass Paul mit den Farben
keine Probleme hat. Als ich ihm später das Bild von Eddie schenke (Eddie in
zartem Rosa auf blauem Rasen), schlägt sich Paul vor Lachen auf die Schenkel.
Kann ich nicht immer mitkommen, wenn du
aus See bist? frage ich und schaue so, wie sonst nur Eddie schaut. Pauls Lachen
verstummt, er wirkt nachdenklich.
Du weißt, dass das nicht geht. Komm,
lass uns zum Essen an Deck gehen.
An Deck küssen wir uns. Als Paul mich
drei Stunden später wieder am Heimathafen in E. entlässt, als sei ich eine
abzuliefernde Fracht, winke ich ihm nicht. Ich laufe durch die Straßen der
Nacht und atme Einsamkeit, die aus allen Ritzen kriecht und sich mit der Kälte
unter meinem Rock einnistet. Erst jetzt merke ich, dass ich Eddies Bild unter
dem Arm trage, hat Paul es mir zurückgegeben? Laufend betrachte ich es, bis es
mir gefällt. Den Rest des Weges renne ich nach Hause, dort hole ich den echten
Eddie aus dem Schlaf und gehe mit ihm an den Bach. Mit einer Schere trenne ich
das rot/weiße Meer vom blauen Himmel und lasse jedes Stück langsam in das
ruhige Wasser gleiten. Paul schneide ich knapp über der Hüfte in zwei Hälften.
Eddie schaut den Stücken gelangweilt hinterher und trottet dann enttäuscht ins
Haus zurück. Ich freue mich für die Kinder, sie werden viel zu fischen haben.
Vielleicht setzen sie den schwarzen Paul wieder zusammen, hängen ihn in ihr
Baumhaus und bewerfen ihn mit geklauten Dartpfeilen.
Nach getaner Arbeit rufe ich den alten Wirtz an und frage, ob er sich um Eddie
kümmern kann.
Was ist mit Paul? fragt er streng.
Paul ist auf See, sage ich, auf dem
Schiff ist kein Platz für Eddie, tagelang nichts als Wasser, das kann man dem
armen Hund nicht antun.
Wieder das Lokomotivgeschnaufe,
dann ein knappes: Ich komme.
Ich stehe hinter dem Fenster und
betrachte die müden Schritte des alten Mannes, denen keine fünf Minuten später
die aufgeregten von Eddie folgen. Ich weine ein bisschen, tröste mich aber
damit, dass Paul seinen Eddie später abholen wird. Er wird zum alten Wirtz
fahren, dem Eddie auf die feuchte Schnauze küssen und bei unzähligen Schnäpsen
vom unendlichen Meer erzählen. Der alte Wirtz kennt das Meer und die Seefahrt
wie Paul und alle anderen Männer, die hier leben. Der alte Wirtz wird zu jedem
Wort, das Paul ausspricht, nicken und seine Augen werden vor Sehnsucht ganz
schmal werden. Paul wird das Schiff beschreiben, als sei es seine große Liebe.
Er wird die Farbe schildern und den Geruch, er wird das Geräusch nachmachen,
dass das Segel im Wind hinterlässt, er wird mit dem Stuhl wippen, um das
Schaukeln im Sturm zu imitieren. Über mich werden sie kein Wort verlieren und
auch, wenn Paul nach Stunden mit seinem Eddie ins kalte Haus einkehrt, wird er
so tun, als seien die Räume gefüllt, als sei alles da, wo es hingehört. Und
während ich mir all das ausmale, baumeln meine Füße im kalten Nass. Eine Stunde
noch, dann geht mein Schiff, es wird mich dahin bringen, wo das Meer auch für
mich blau ist.
Lebenszeiten
Sabine
Raml
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geboren am 26.01.1973 in Essen (NRW)
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1991 Realschulabschluss
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1994 Abitur (Wirtschaftsgymnasium)
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1994 1997 Ausbildung zur Industriekauffrau
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1997 1998 Ausübung des erlernten Berufes
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ab dem WS 1998/1999 Studium der Kunstgeschichte, Soziologie und Germanistik in
Bochum und Jena, das wegen der Schriftstellerei auf Eis gelegt ist
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Veröffentlichungen im Internet (z.B. 'Sarah'/Icestorm,
ausgezeichnet als 'Schönste deutsche Mauergeschichte 2004'), in
Literaturzeitschriften und Anthologien
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lebt und arbeitet in Berlin
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während der Dauer der Autorenwerkstatt wird keiner Erwerbstätigkeit
nachgegangen
Übersicht über
bisherige literarische Veröffentlichungen
09/2005:
'Schlaflos'. In: Verstärker. Organ zur Rückkopplung von Kunst und Literatur.
ISSN 1612.
11/2005: 'Der
Abschied'. In: Zeit. Zwischen Augenblick und Ewigkeit. Antho?
– Logisch. Frohberger/Hadjieff. Web-Side-Verlag.
ISBN 3-935982-41-0
12/2005:
'Lebenszeiten'. Schöngeist. Magazin für Kunst, Leben, Denken. ApoDion Verlag. ISBN 4-196543-808008-07