Platz 2: Thomas Steiner

 

Winternebel

An Tagen wie diesen konnte Franz nicht in seiner Wohnung bleiben. Es war sinnlos, in seinem Zimmer zu sein - denn er konnte nicht malen, wenn draußen der Nebel stand, er konnte sich Bilder nicht einmal vorstellen. Im Nebel, und es war ein Nebeltag, war das Licht falsch, im Nebellicht konnte er nichts malen, was ihm später noch gefallen hätte, er konnte keinen Mond im Nebel malen. Er malte nämlich nur den Mond, immer und immer wieder den Mond, und weil man den Mond im Nebel nicht sieht, kann man ihn im Nebellicht auch nicht malen. Man kann sich den Mond nicht einmal vorstellen, wenn man von Licht aus dem Nebel umgeben ist, das falsche Licht vertrübt die Vorstellung so sehr, dass der Mond nicht einmal mehr vorstellbar ist. Franz hat es oft genug versucht, aber es geht nicht. An solchen Tagen konnte er nur hinausgehen und umherlaufen, weglaufen, um sie zu ertragen, in der Wohnung war es zu schlimm. Was soll man denn in der Wohnung auch machen, wenn man nicht malen kann, denn nur zum Malen ist Franz in der Wohnung, zum Malen und zum Schlafen; dass er auch Essen muss, zählt nicht viel − eine Zeitverschwendung, die kurz gehalten wird.

 

Immer wenn es Nebel gab, musste Franz hinaus und im Nebel durch die Stadt laufen, bis er müde war, müde genug, um zurückzukommen, bis er genügend erschöpft war, um schlafen zu können, wenn er sich schlafen legte, hinreichend erschöpft, um einzuschlafen, selbst wenn er nichts gemalt hatte, selbst nach solch einem verlorenen Tag. Das war, letztlich, auch einer der Gründe gewesen, nach Berlin zu ziehen, von Ulm weg, wo es oft Nebel gibt, weg vom nebligen Ulm, weg aus dem nebligen Donauried, hin nach Berlin, wo dichter Nebel selten ist. In Ulm gibt es mehr Nebel und Dunst, als auszuhalten ist, ein grauenhaftes Klima für einen Maler, besonders für einen, der den Mond malt, unerträglich für jemand, der klares Licht braucht und der, um sich neue Bilder in den Kopf zu holen, den Mond sehen muss, der umherstreifen muss, um sich neue Mondbilder zu holen, der sehen muss, wie der Vollmond über den Häusern steht, über den Bäumen, über den Seen, damit er neue Mondbilder malen kann. In Ulm sieht man den Vollmond nur ab und zu, die meisten Vollmondnächte sind verloren, der Nebel zerstört sie oder der Regen, dann ist alles umsonst. Darum also musste Franz wegziehen, weg von Ulm, und weil ihm das Wegziehen schwer fiel, zog er gleich weit weg. In Berlin gab es schöne Mondbilder, nicht die gleichen wie in Ulm und auf der Alb und am Bodensee, es waren andere Mondbilder, der Mond über der Spree, dem Wannsee, dem Tegeler See, dem Tiergarten, über Häuserzeilen, Wohnblocks, der Mond über Stadtlandschaften, über Vorstadtlandschaften, über dem Stadtrand, den Parks, den Wässern, den Wäldern, den großen Berliner Wäldern, es gab so viele Motive hier, die für Franz neu waren, es gab so viele Monde zu malen, Franz gefiel es hier; aber an diesem Tag gab es Nebel.

 

Zudem war es kalt. Winternebel, Eisnebel, Franz musste sich warm anziehen. Er wusste, er würde stundenlang unterwegs sein, er würde stundenlang durch die Straßen laufen, zwischen den Häusern und an Kanalufern entlang, er würde stundenlang laufen müssen, um sich müde zu machen, nicht anders, als früher in Ulm. In Ulm war er damals immer bald am Stadtrand angelangt, dann war er umgedreht. In fünf oder sechs Stunden, so lange lief er immer, kommt man 30 Kilometer weit, damit kann man Ulm mehrmals durchqueren, man pendelt von einem Stadtrand zum anderen, hin und her und wieder hin und her, von der Donau hoch auf die Alb und zurück, und wieder hoch und wieder zurück, bis der Nebel endlich den Kopf durchzieht und man schlafen gehen kann. In Berlin kommt man so gerade vom Zentrum zum Rand und zurück, die Berliner wissen das gar nicht, denn sie machen es nie, dafür sind sie zu gehfaul, aber Franz hatte das Laufen gelernt - und so konnte er von Wilmersdorf, wo er wohnte, bis ins hinterste Wannsee laufen, oder in die Gropiusstadt, bis in den Süden der Gropiusstadt, wo alles aufhört, was ihm gefiel, und zurück, das reichte ihm gerade, um müde zu werden.

 

Franz lief immer ohne Ziel, er schlug nach Zufall eine Richtung ein und behielt sie bei, immer wieder auf neuen Wegen, auf neuen Strassen, immer wieder zu einem anderen Stadtrand. Er lief nicht geradeaus, oft bog er ab, ein Stück an einer großen Strasse, dann wieder zwischen Wohnblocks hinein, durch Grünanlagen, wo welche waren, bis zur nächsten großen Strasse, die früher oder später immer kam und die er dann überquerte oder auch nicht. Das war seine Art zu gehen, und doch verlief er sich nie dabei, bei all dem Abbiegen und Zurückbiegen hielt er doch immer eine Art von Richtung bei. Diesmal zog es ihn nach Norden. Im Nebel also lief er nach Norden, am Nachmittag, mit dem Ziel, erst nachts zurück zu kommen. Erst lief er durch bekannte Straßen, in Wilmersdorf kannte er jede Strasse, hier war er schon überall gewesen, er überquerte den Kudamm, Langeweile, weiter nach Norden, weg von hier, auch hier kannte er alles, nur schnell über die Spree. Dort endlich wurde es interessanter, fremder, dort begann er mit seinen Quergängen, dort begann er, im beständigen Nebel durch die Nebenstraßen zu streifen, in Mäandern zog er durch neues Gebiet, jetzt blieb er manchmal auch stehen und sah sich Häuserfronten an, er begann auch, die Menschen zu sehen, die hier im Nebel gingen, die mit ihren unbekannten Zielen durch den Nebel gingen; manche standen auch im Nebel, als ob sie warteten. Hier gab es auch leere Strassen, nur Häuser und Autos am Straßenrand, kein Mensch außer ihm. Er sah sich den Nebel an, die Bäume, die Autos, die Wände, die Fenster und Türen, und immer wieder den Nebel selbst. Er wurde langsam müde. Er freute sich über die Müdigkeit und den Schmerz in den Füßen, der jetzt kam, er wusste, jetzt war er auf dem richtigen Weg, so würde er jetzt weitergehen, stundenlang noch, der Schmerz würde schwächer werden und wieder zunehmen, in Wellen, bis zum Stadtrand würde er so gehen, immer im Nebel, er wusste, dieser Nebel würde bleiben bis morgen früh, er würde so weiterlaufen, bald würde er im Wedding sein, dann käme Reinickendorf, wie betäubt würde er durch Reinickendorf laufen, dort würde die Dunkelheit kommen und er könnte umkehren.

 

Er kam aber nicht so weit. Er überquerte eine Strasse und kam nicht weiter - es ging einfach nicht weiter. Er hätte jetzt links oder rechts gehen können, doch vor ihm war nur Leere im Nebel, ein weiter leerer Raum. Kein Park und keine Wiese war vor ihm, es war einfach nur Leere und, wie ihm schien, Stille. Er bleib also stehen, erschöpft in diesem Augenblick, und schaute nach vorne, einfach in den Nebel hinein. Und wie sich seine Augen daran gewöhnten, fast nichts zu sehen, erkannte er die Hafenkräne. Es waren, unverkennbar, Hafenkräne, die vor ihm standen, unbeweglich, hellgraue Streben im hellgrauen Nebel, große, hohe Hafenkräne. Franz stand wie in einem Traum, er war sonderbare Bilder gewohnt, aber dies hier, Hafenkräne mitten in Berlin, war ihm so unerwartet, so unwirklich, dass er sich selbst nicht glaubte. Es konnte nicht sein, und so blieb er einfach stehen und staunte. Niemand sonst war in der Nähe.

 

Er fasste sich bald, nicht lange nach dem ersten Staunen wusste er Bescheid. Er wusste, wo er war, es war ganz einfach. Er war im Norden von Moabit, das musste der Westhafen sein, ja, das passte, so war es. Er stand noch lange und ließ das Bild auf sich wirken, jetzt sehr bewusst, ihm war klar, dass er gerade ein Bild in sich aufsog, das ihn nicht mehr loslassen würde. Bewusst und klar im Kopf, mit der Kälte der Klarheit im Kopf, sog er das Bild der Hafenkräne auf, die Hafenkräne im Nebel, kaum zu sehen, hellgrau in noch hellerem Grau, ohne Bewegung des Nebels oder der Wassers, das er gar nicht sah, ohne Bewegung der Kräne selbst. In der Zeit, die er dort stand, schien ihm alles still, schien er nichts zu hören. Vollkommene Stille im Nebel. Schließlich aber hörte er, dass er nicht allein in der Leere stand, dass er in einer Stadt stand, dass es keineswegs still war, und er drehte sich um, um zurück zu gehen. Er brauchte nicht mehr weiter fort zu laufen, er brauchte nicht mehr dem Nebel davonzulaufen, dem man nicht davonlaufen kann, er konnte zurückgehen. Schon beim Umdrehen wusste er, dass er ein neues Bild gefunden hatte, dass er heute noch anfangen würde, dieses Bild zu malen, die Hafenkräne im Nebel, grau in grau, ohne Sonne und auch ohne Mond - ohne Mond! Ganz kurz nur dachte er an den Mond, den es auf diesem Bild nicht geben würde, ganz kurz machte er sich klar, dass er keinen Mond mehr malen müsste, dass er ein anderes Bild gefunden hatte, dass er jetzt Hafenkräne malen würde, vielleicht jahrelang Hafenkräne, immer neue und in immer neuen Häfen, verschiedene Häfen zu verschiedenen Zeiten bei verschiedenem Wetter, zuerst die Berliner Häfen an Wintermorgen und Winterabenden, fast unsichtbar in Winternächten, im Nebel, im Regen, in der Wintersonne, den Westhafen, den Osthafen, dann auch andere. Zuerst würde er dieses Bild hier malen, er sah es schon genau vor sich, er würde heute noch beginnen, er würde sofort beginnen, den Westhafen im Nebel, nur Nebel und die Umrisse der Kräne, alles grau, und wie er dieses Bild vor sich sah, im Bewusstsein, dass er ab heute keine Monde mehr malen würde, sondern Kräne, zog ihm eine kalte Erkenntnis in den Körper, er spürte förmlich, wie sie ihm dort hineinzog, er spürte eine Welle von Kälte durch die Brust laufen, es war eine körperliche Kälte, es war das Erkennen, was der Mond und die Kräne gemeinsam hatten, dass sie beide gemein hatten, dass er sie nie erreichen konnte, dass er, genau so, wie er nie den Mond erreichen konnte, auch nie an einem Hafen ankommen würde.

 

 

 

 

Biographie: Thomas Steiner, geboren 1961 bei Reutte/Tirol, lebte viele Jahre in Berlin, später in der Oberpfalz, gegenwärtig in Neu-Ulm, arbeitet als Übersetzer. Veröffentlicht Gedichte und Kurzgeschichten in verschiedenen Zeitschriften und Anthologien; kürzlich z. B. in Asphaltspuren 6, Cognac & Biskotten 24, Maskenball 65, Minima 2, Verstärker 15 (alle 2006).