1. Platz: Juergen Flenker
schattengrenze
I
nicht zu klären ob dies lichtgerinnsel
im mond noch oder in der sonne schon
seinen ursprung hatte dieser dünne morgen
ziellos streunend überm rost der stadt
wie hingegossen eine zweite haut
aus nebel die das sterben länger frisch hält
für jene in den frisch gestärkten kissen
im hafen jenseits des abraums im letzten paradies
wo angst versinkt in sündhaft teuren schlaf
und du vergräbst den hals im mantelkragen
auf ausgetretnen wegen vor dienstbeginn
oder danach was macht das schon der tag
ist kalt und nass und entzieht sich jeder befragung
ein fetzen himmel wie ein leiser vorwurf
und aus der tiefe kriecht ein warmer dunst
II
denn das ist jetzt die zeit hinabzusteigen
mit hadesstiefeln tief ins reicht der u-bahn
den kalten neonspuren nach vermummt
in austauschbaren kolonnen dutzendgesichter
tunnelblick die nase wittert noch
die alten saurierpfade nebelfern
so siehst du aus wie all die andern hier
dicht an der schattengrenze diskret vernetzt
mit ewigen wiedervorlagesystemen
strichcodemünder zentralverriegelt das sodbrennen
hinter den schlagzeilen auf kleiner flamme du ahnst
der weltenbrand ist längst beschlossne sache
auch sonst herrscht ja kein mangel an vergeudung
ein blickkontakt entzündet eine ahnung
von kargen vorstadthöllen nahkampfgebieten
III
lautlos saugt sich der zug ins röhrengeflecht
knochen ahnst du reste fossilen gesteins
die toten von morgen zerfallen unmerklich wie du
doch alles geschieht hinter glas das kommen und gehen
die messerscharfen schnitte der lautlose rhythmus
der wagen das rollen ein pulsschlag schlecht imitiert
schon gleitet dein blick von lasierten wänden erst hier
beginnen die konturen zu zerfließen
grotesk verzerrte schatten wie aus alten filmen
schöner aber strahlt dir die liebe im hafen
ein augenaufschlag auf jedem zweiten plakat
und keine zeit mein freund dich einmal zu wenden
IV
gelassen zieht die ringbahn ihre kreise
besteh nicht auf einer mitte das zentrum beginnt an den rändern
und immer bleibt die fragwürdigkeit der balance
auf schalensitzen der modrige fluss der gedanken
stößt hart an felsige ufer müde passanten
ein schweigen wie des aufruhrs letzter schrei
und wieder reihst du dich ein auf markierten wegen
und lässt gegen den drohenden daseinshunger
abgekupferte münzen auf der zunge zergehn