Sandra Niermeyer



Gestern

 

Das rote Männchen steht vor mir und breitet seine Arme aus. Seit Stunden schon. Ich höre Trommeln, ein gleichmäßiges Klicken, das nicht aufhört. Von den Dächern klatschen dicke Tropfen auf meinen Kopf. Sie rinnen durch meine Haare. Laß die Arme sinken, laß sie sinken, sage ich, ohne meine Lippen zu bewegen. Ich schließe die Augen und gehe los. Das Klicken entfernt sich, kommt wieder näher. Als ich die Augen öffne, ist das Männchen verschwunden. Ich stehe vorm Palast. Durch das Gitter kann ich mich zwängen, wenn ich die Luft anhalte. Das habe ich geübt, wochenlang. Meine Tasche muß draußen bleiben. Sie ist zu dick und zu schwer. Ich atme aus und warte, bis meine Augen sich an den Anblick gewöhnen. Im blauen Licht sieht man die Tränen nicht. Sie rinnen durch meine Haare, die Wangen entlang und verlieren am Kinn den Halt. Wenn ich sie unterdrücke, nehme ich dem  Palast seinen Namen. Ich habe meine Papiere verloren, das weiß ich genau. Zuhause hatte ich sie noch, aber nun sind sie weg, beide Hosentaschen sind leer. Ich fasse so oft hinein, bis die Nähte reißen. Vor mir steht ein Mann in der Schlange, die ich erst jetzt bemerke. Er trägt eine Tasche, die ich als meine erkenne. Wie hat er sie durchs Gitter bekommen? Ich will ihn fragen, da tritt er einen Schritt vor und zeigt seine Papiere. Es sind meine Papiere, ich erkenne es am Kaffeefleck, den ich heute morgen auf ihnen hinterließ. Nein, sage ich mit geschlossenem Mund. Ich habe es wieder nicht geschafft. Er geht durch die Tür, durch die ich gehen wollte, und ich senke den Kopf, als sie hinter ihm zuschlägt. Meine Füße stehen in einer Pfütze, das Wasser schwappt bis zum Rand der Sohlen. Ich drehe mich um und gehe durch das Gitter zurück, durch das ich nun passe, ohne die Luft anzuhalten. Ich nehme den Weg zurück, den ich gekommen bin. Eine Horde grüner Männchen weist mir die Richtung. Sie führen den Schritt vor, den man hier einnimmt, ganz automatisch: ein schwungvolles Strecken des Standbeins, ein ebenso schwungvolles Nachziehen des Sprungbeins, dabei leicht ins Hohlkreuz fallend. In jeder Straße begegnen mir bekannte Gesichter. Sie gehören zur gleichen Gruppe wie ich. In der Hand tragen sie Zettel, auf die sie hilflos starren. Straßenpläne waren verboten, jahrelang, und nun, als sie wieder erlaubt sind, versteht sie niemand mehr zu lesen. Auch ich habe vergessen zu planen und Pläne zu machen. Ein Mann mit Zigarette nähert sich mir. Er hält sie am ausgestreckten Arm. Ich weiche ihm aus, entgehe dem glühenden Punkt, mit dem er sich den Weg freibrennt. Die Straßenschilder wurden umgedreht. Sie weisen in die falsche Richtung. Mit Absicht sind sie verdreht und verbogen. Halt, will ich ihm hinterher rufen, Sie sind hier falsch. Aber er ist verschwunden, noch ehe ich den Mund öffnen kann, und nur ein kleiner glühender Punkt bleibt in meiner Linse. Die Häuserfront neben mir ist vernarbt und verkohlt. Sie wird bewacht, immer noch und schon wieder. Ich kann die Schrift auf der Wand nicht lesen. Meinen Plan lasse ich fallen. Er segelt in eine Pfütze, saugt sich voll und wird braun. Bevor er versinkt, kann ich eine Sekunde lang sehen, was er mir sagen wollte. Ich gehe in die Knie und versuche ihn zu fassen. Aber er löst sich auf, bevor ich ihn erreiche. Meine Hände greifen nur in schmutziges Wasser. Ich stehe auf. Die Hose klebt an meinen Knien und macht das Gehen schwer. Vor einem Hauseingang sehe ich einen einzelnen Handschuh. Er gehört einer Frau aus meiner Gruppe. Der Zeigefinger weist in eine Richtung, die es nicht gibt. Ich sehe ihn an und weiß, daß sie aufgegeben hat. Wie ich.