LiteratenOhr-Wettbewerb: AUGEN IM FAHRSTUHL
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1. Preis: Monika Buschey
 
WIR GINGEN GEMEINSAM AUF DEN FAHRSTUHL ZU

Wir gingen gemeinsam auf den Fahrstuhl zu, und er sagte, er habe sich gerade eine Wohnung angesehen, und ich fragte, ob er denn noch immer im Hotel wohne, und er sagte ja, das sei wunderbar, immer frische Handtücher, und ich sagte, wie steht es denn auf Dauer mit der persönlichen Note, und er sagte, ach, paar Bücher und 'ne Unterhose in der Ecke, das ist persönliche Note genug, und ich sagte, warum bleiben Sie dann nicht im Hotel wohnen, und er sagte, auf die Dauer doch 'n bißchen teuer, und dann waren wir angekommen im sechsten Stock.

Als wir uns sieben Jahre später an der gleichen Stelle wiedersahen, fragte ich ihn, ob das Wohnungsproblem inzwischen gelöst sei, und er sagte, naja, irgendwie schon, er sei damals doch zu Bettina gezogen, es sei aber nicht lange gutgegangen, man habe sich gestritten, und Bettina sei nach wenigen Tagen ins Hotel gezogen, nicht ohne den Vorwurf, er sei nur zu ihr gezogen, um aus dem Hotel rauszukommen, und sie sehe nicht ein, warum sie ihre Hotelübernachtungen selbst bezah- len solle, und so sei es dazu gekommen, daß er jetzt Hotelrechnungen bezahlen müsse, ohne im Hotel zu wohnen. Inzwischen hätten sie sich aber soweit geeinigt, daß sie ihm als Gegenleistung immerhin täglich frische Handtücher ins Bad lege und ein Schokolädchen auf den Nachttisch.

"Na, dann geht's ja", sagte ich, und wir küßten uns lange, und dann waren wir im 26. Stock angekommen, und ich sagte: "Bis bald", und "schönes Leben noch!"
Kommentar der Jury:

Lebensreisen per Fahrstuhl

Die ambulante Situation der Liebe findet sich in einem Fahrstuhl wieder, dessen transitorische Beschaffen- heit durch die Tatsache noch verstärkt wird, daß er sich in einem Hotel befindet. Der zeitliche Bogen des Textes umfaßt das ganze Leben, die Enge des Fahrstuhls und die Fahrt zwischen dem 6. und dem 26. Stock lassen Raum für einen metaphorischen Blick in die Vergangenheit und führen hinaus aus in die Welt, ohne den Fahrstuhl je zu verlassen. Der Blick zwischen zweien schweift hin zur imaginären Dritten und hinterlegt auch der Leserin zu ihrer Freude ein Schokolädchen auf dem Nachttisch.
 
Biobibliographie
Monika Buschey
geboren 1954 in Bochum, Journalistin und Autorin. Abitur. Volontariat bei der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung in Essen, dort zehn Jahre lang als feste Freie. Während des Volontariats Praktikum bei der ZEIT in Hamburg. Später für STERN TV Kritiken und vor allem Portraits geschrieben. Fernsehbeiträgt zu kul- turellen Themen im ARD-Morgenmagazin. Seit Sommer '97 Portraitreihe "Radio-Menschen" für Programmbroschüre des WDR-Hörfunk (Im Internet unter wdr.de/radio/radiomenschen). Außerdem Dichtung und Wahrheit, facts und fiction, Features, Reportagen, Feuilletons, Portraits und literarische Geschichten für verschiedene Redaktionen des WDR-Hörfunk, zum Beispiel für "Neugier genügt" (WDR Radio 5), "Mosaik" (Kulturmagazin auf WDR 3) und "Erlebte Geschichten (WDR 5).
Literaturpreis Ruhrgebiet '97: Förderpreis für ein literarisches Portrait
"Die Rosen deines Mundes - Prominente Paare und wie sie sich kennenlernten", Artemis & Winkler, Düsseldorf, 1999
Geschichten in verschiedenen Anthologien, darunter eine Kindergeschichte in "Wenn die Ritter schlafen gehen", Patmos Verlag.
Arbeitsstipendium des Landes Nordrhein-Westfalen. Im Herbst erscheinen weitere Paar-Geschichten bei Artemis & Winkler: "Mit ganzem Körper umarme ich deinen kleinen Finger"
 
 
 
2. Preis: Roland Lohmann
 

Liftloch



Netzhaut geprüft, Abdruck gesichert. Licht und Luft: tolerierbare Werte. Herz, Schweiß, Atem : fluktuieren. Kein Min-, kein Maximum.

Augen speichern Augen, das Zittern der Äpfel, Blicke, versenkt bei geschlos-senen Lidern, bleiben sichtbar, schwimmen, gleiten, halten Bilder, Film zurück.

Zwölf Paar Linsen, sechs Paar Menschen. Kein Wort gibt das nächste. Nur Wünsche, halblaut, im Taschenformat.

Finger am Ohr, Schweigen gemuschelt. Lider deckeln, kippen, klappen flach aus Händen rutscht das Schwarze halten Laschen, Lippen runden, dunkel Zungen zwischen Zähnen feucht und rot.

Augen speichern Augen, Farben, Biographien fahren ab auf silbernen Scheiben bleiben sie heilundverschieden scheinen sie neu.

Kein Blick auswärts. Nur selten ein Schlucken. Die Zahlen zweistellig, negativ.

 

 

 

Das Auge im Aufgang, großes Staunen auf beiden Plakaten, über der Wüste, über dem Meer.

"Unterwelt und Abgrund werden niemals satt, und der Menschen Augen sind auch unersättlich." *

Staubarm, spruchreif. Die Rückwand, der Spiegel hält die Lehre, die kippenden Wörter, Luft und Licht.

Ebenen wechseln. Linsen, Scheiben. Eine Zahl gibt die nächste. Zweistellig, positiv.

 

* Sprüche 27, 20

Kommentar der Jury:

Ein sinnliches Satzkunstwerk!

Zwischen Aufgang und Unterwelt der kondensierte Blick, einwärts gehalten und trotzdem beweglich: minutiös fortschreitend von Satz zu Satz. Lohmanns Beobachtungs- und Bilderreichtum, die Komplexität des Einfachen, der raumumgreifende Blick läßt die Leserin, einen Finger am (Literaten)Ohr, schnappend nach Luft und Licht aus den Wörtern kippen: nur selten ein Schlucken!
 
Biobibliographie
 
Roland Lohmann
11.08.1954 geb. in Hamm/Westfalen Roland Lohmann
Gymnasium, Bundeswehr
1974 1980 Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie in Münster / Westfalen
1978 Veröffentlichung dreier Gedichte in der ZS Annalle
1980 1982 Referendariat für das Lehramt an Gymnasien
1982 1985 Lehrtätigkeit an Gymnasien und Volkshochschulen ( Zeitverträge )
1986 1987 Umschulung zum Wirtschaftsassistenten EDV / Marketing
seit 1987 Tätigkeit als EDV Berater
1997 Veröffentlichung von 6 Gedichten in der Anthologie Kontraste ( nach Teilnahme an einem Weseler Literaturwettbewerb )
seit 1998 Mitarbeit im Literaturcafé Wesel, jetzt Literaturgruppe WORT 9.6
1999 Gedichte in der Anthologie Hörst Du, wie die Brunnen rauschen
( Freudenstädter Literaturwettbewerb ), Lyrik, Protokolle ( Werkstätten des Anton G. Leitner Verlags
2000 Gedicht in der Rheinischen Post ( Lokalteile Niederrhein )
;
 
 
3. Preis: Beate Dölling
 

Schwarze Tintenkleckse

Silberne Sensorknöpfe. Katzensprung. Der Fahrstuhl schnurrt. Leichtes Vibrieren zwischen den Zehen, Luft in den Sandalen. Weiter oben fließen Gedanken mit einer Geschwindigkeit von sechs Zentimetern in der Sekunde durch die Schädelrotunde. - Potsdamer Platz 1979: Hand in Hand an der Mauer entlanggeschlendert, beim Küssen über Wurzelgestrüpp gestolpert. In Leuchtbuchstaben verewigt: "Ludmilla, ick liebe Dir!" "Luuuudillaaaaa!" geschrien und auf ein Echo gewartet. Kein Echo, keine Trabbiabgase. - ACHTUNG! Sie verlassen jetzt den amerikanischen Sektor.
Potsdamer Platz 2000. Digitale Stockwerkanzeige, in grün. 8:30 Uhr. Sie ist eine von de nersten Sekretärinnen auf Fahrstuhlfahrt in der neuen Potsdamer-Platz-Stadt. Es riecht nach nacktem, feuchten Beton. Kabel hängen wie abgerissene Nabelschnüre von den Decken. Nach draußen kann sie nicht sehen, und doch fahren die Bilder von draußen in ihr mit: Hand in Hand, Kuß in Kuß. Gemeinsam. Davon sind die ersten drei Buchstaben längst abgebröckelt, irgendwann zwischen 1993 und 1994, in der Steppe des Alltags kam ein Riß, und von da aus sprang die Vase entzwei. Seitdem gemeinsam einsam.
Im Magen spürt sie, daß sie noch fährt, in dieser Millenniumskabine, sieht sich jedoch schon dort unten stehen, im Büro A/2000/3, wartend, die Akten des neuen Chefs unter den Arm geklemmt; eine halbe Rechtsdrehung abgewandt, und sie schaut sich ins Gesicht. Im Spiegel das Abbild der jungen Frau an der Mauer, der mittelalterlichen Sekretärin, Ehefrau, Mutter, Kafeeklatschlerin. Sie streicht sich über den dunkel blauen Kaschmirkragen. Fussel sind wie Falten, nehmen im Alter zu und setzen sich fest. Markieren den Verfall. Ihre Gedanken haben sich von sechs Zentimeter auf acht in der Sekunde beschleunigt. Leichtes Schwindelgefühl. Gleich heißt es wieder funktionieren und Entscheidungen verschieben: Ehe beenden? Umziehen?
Die Kinder sind groß, das Leben klein - Feststellungen fallen vom Himmel wie Geistesblitze und prallen am faradayischen Käfig ab. Soll sie denn ewig alles laufen lassen, von Stockwerk zu Stockwerk fahren und nur ab und zu ein paar Sensorknöpfe drücken, bis zum großen Stromausfall?
Es bremst. Magendruck. Erhöhte Herzfrequenz, Wangenglühen. Noch nicht das Bedürfnis einen Fuß vor den anderen zu setzen. Verweilen bis zum Gong. Von der 41. Etage bis zur 17. Lebensballast abgelassen. Fühlt sich erheblich leichter, und das ohne Kartoffeldiät! Die Tür geht auf, und sie rüstet sich für bevorstehende Aufgaben. Komme, was wolle! Will austeigen, da springt ein Mann um die Ecke. Ein Mann wie alle Männer: mit Bartschatten, Zweireiher und Ehering, eingelullt in Rasierwasserduft. "Schönen guten Tag", sagt er und strahlt wie doch kein anderer Mann zurück. Sie checkt: Der ist auch schon über 40 und sein Ehering ist kein Ehering, sondern ein schmaler weißer Streifen auf tahitigebräunter Haut, der von Vergangenem zeugt, Zurückgelassenem, Überholtem, Ausgestiegenem. Sie grüßt zurück. Die Türen summen zu. Katzensprung. Ihr Herz schnurrt. Vier Augen im Fahrstuhl. Aufwärts.
Kommentar der Jury:

Vom altertümlich schnurrenden Fahrstuhl am Potsdamer Platz 1979 zur Milleniums- kabine 2000. Die Bilder von draußen fahren mit. Und die Geschichte. Die Fahrt abwärts erleichtert um Lebensballast. Die Fahrstuhlfahrt bildet den Rahmen für die Kurzgeschichte und das vergangene Leben der Protagonistin. Unten angekommen viel unterwegs zurückgelassen. Ein neues Leben, eine neue Story, die Fahrt nach oben kann nun beginnen. Schnurrend wie oben, aber diesmal das Herz.
 
Biobibliographie
 
Beate Dölling
Jahrgang 61. Seit 1988 beim RIAS-Kinderfunk, bzw. DeutschlandRadio Berlin. Features und Beiträge für Literatur-, Kultur- und Musikredaktionen. Moderatorin. Freie Mitarbeit beim NDR u. Radio Bremen. 1996 Auszeichnung mit dem 2. Hörfunkpreis der internationalen RIAS-Kommission für das Feature "San Francisco". 1998 Publikation eines Jugendromans im Gustav-Lübbe-Verlag: "Mir kann keiner an den Wimpern klimpern".
Literaturstipendien:
1994 vom Berliner Senat für kulturelle Angelegenheiten (Künstlerhaus Schloß Wiepersdorf)
1996 von der Akademie der Künste in Berlin (Alfred-Döblin-Haus, Wewelsfleth)
1999 Stiftung Preußische Seehandlung Berlin (für das Kinderbuchprojekt: "Mama verliebt".
Beate Dölling lebt 57 Kilometer östlich von Berlin in der Märkischen
Schweiz, wo sie mit einem echten Schweizer verheiratet ist, Kultur schafft und Schreibwerkstätten leitet.
 
 
4. Preis: Evelyn Sperber
 
Gesammelte Augen-Blicke

Ich bin schön. Ich bin sexy. Männeraugen kleben an mir. Ich löse sie vorsichtig ab. Ich sammle Augen. Männeraugen.
Die meisten Augen ergatter ich im Fahrstuhl. Wenn ein Mann ein Auge auf mich wirft, greif ich zu. Das ist im Fahrstuhl leichter als draußen. Draußen sind die Entfernungen größer. Da können die Männer nicht so gut zielen. Im Fahrstuhl treffen sie mich immer. Fast immer. Ich fahre täglich mit dem Fahrstuhl. Ich lebe in Fahrstühlen. Mein Leben ist ein Fahrstuhl. Ich liebe das Auf und Ab. Im Fahrstuhl treffen mich die meisten Blicke. Alle Blicke sind Augen-Blicke.
Es kommt vor, dass ein Mann selbst im Fahrstuhl nicht trifft. Wenn seine Hand zittert. Oder wenn er schielt. Das sind gefährliche Silberblicke. Ich versuche dann, ihn durch abwehrendes Schütteln meines Kopfes zu warnen. Aber Männer lassen sich nicht warnen. Nicht von einer Frau. Von einer Frau schon gar nicht. Männer lieben die Gefahr. Männer suchen das Abenteuer. Männer riskieren ein Auge, auch wenn Tod und Verderben drohen. Dann geht der Wurf daneben. Das Auge prallt an die Kabinenwand und zerspringt. Manchmal zerspringt es erst, wenn es auf den Boden fällt. Dann kullert es mir vor die Füße. Ich lasse es liegen. Kulleraugen sammle ich nicht.
Manchmal heften die Männer ihre Augen auf meinen Mund. Sie wollen mich zum Schweigen bringen. Dann lächle ich und schweige. Eigentlich hätte ich lieber Ohren gesammelt. Ich liebe Männerohren. Mir hat noch nie ein Mann ein Ohr geschenkt. Augen sind ergiebiger.
Die meisten Augen landen bei mir auf Decolleté und Hals. Mein Hals ist verführerisch schlank. Ich trage ein anziehendes Decolleté. Auch im Winter. Nach zweimal Rauf und Runter schmiegen sich die Männeraugen kettenweise um meinen Hals.
Herzen sammel ich nicht. Das überlass ich anderen. Einmal wollte mir einer im Fahrstuhl sein Herz überreichen. Das habe ich abgelehnt. Da gingen ihm die Augen über. Ich habe sie aufgefangen und meiner Sammlung einverleibt. Nicht immer gelingt es mir, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. An solche fruchtbaren Augenblicke erinnere ich mich besonders gern.
Wenn ich den Fahrstuhl verlasse, verfolgen mich die Männeraugen. Wie Dubsbälle prallen sie auf meinen Rücken und an meine Beine. Dann habe ich auch hinten Augen. Aber die interessieren mich nicht. Ich schaue nie zurück. Ich gehe immer vorwärts.
Warum die Männer so verschwenderisch mit ihren Augen umgehen, weiß ich nicht.Ich habe noch nie ein Auge auf einen Mann geworfen. Nicht einmal unter vier Augen. Ich werfe keine Augen. Ich fasse höchstens etwas ins Auge. Behalte einen vielleicht auch im Auge. Doch riskieren werde ich ein Auge nie. Ich halte die Augen immer offen. Allerdings: wenn Gefahr im Anzug ist, wenn mir die Knie weich werden und ich mich hinlegen muss, mach ich meine Augen zu. Sicher ist sicher.
Kommentar der Jury:

Männerohren rar!
In Text 5 sind Augen als Pilzsammler unterwegs, hier hingegen geht es um eine Dame, die als Augensammlerin tätig ist. Und das nur, weil es ihr an Ohren mangelt! Was mit dem Dekollete der Dame passiert, wie eine Idee konsequent durchgezogen wird, und warum wir mit der Zensur Probleme bekommen werden, erfahren Sie demnächst hier: an dieser Stelle und noch so viel mehr!
 
Biobibliographie
 
Evelyn Sperber
1938 in Hamburg geboren, Zeitungsvolontariat in Hannover, Redakteurin, später Beruf gewechselt und Mutter geworden, daneben Studium der Sozialpädagogik und freie journalistische Tätigkeit, Besuch von Schauspielseminaren, Bühnenauftritte, schriftstellerische Arbeiten (Kurz- und Langprosa, Gedichte, Feature, Theaterstücke), Veröffentlichungen in Anthologien, Zeitschriften, Tagespresse.
 
 
5. Preis: Rolf Schönlau
 

Blicke fassen



1. Gleichsam gegenüberstellend prüfte der Blick die beiden Personen, indem er sie, von einer zur anderen wandernd, nach bestimmten Kriterien taxierte.
2. Das Auge barg Nachdenklichkeit, ja ein Hang zur Grübelei schien hinter einem Blick hervor, der sich nichts entgehen lassen wollte.
3. Darin, wie die Augen der Form in ihren Umrissen nachfuhren, lag weniger ein Schauen, um etwas zu sehen, als das sich selbst genügsame Schauen allein um des Schauens willen.
4. Als Schwelle der sichtbaren Welt zog der Spiegel den Blick auf sich, als wäre ein Nachbild zu erhaschen, wenn sich die Rückwendung nur überraschend genug vollzöge.
5. Die Selbstbeobachtung gipfelte in Momenten, in denen sich die Dinge in wundersamer Frische präsentierten, gestochen scharf und von prägnanter Gestalt hervortraten, so daß sich die Augen, wie um den psychologischen Vorgang physiologisch zu untermauern, ständig weiter zu öffnen schienen.
6. Zu einem Pilzsucher mochte der Blick gehören, der gierig alle Accessoires wegriß, um den Schattenriß der Dinge freizulegen.
7. Da setzte der Blick erschöpft ab und übrig blieben trieflige Augen.
 

Kommentar der Jury:

Der Pilzsucher

Die akribische Beschreibung oszilliert zwischen dem narzißtischen Blick in den Spiegel, der das Sehen zur "Wesensschau" macht, und dem organischen Substrat des Auges. Der Blick, der in der anderen Welt als Sammler auftritt, als Schwellengänger über die Schattenrisse der Dingwelt balanciert, wird am Ende zurückgeworfen: die Weite des Schauens und die phänomenologische Beschreibung verschwinden, die Schatten der Dinge kehren zurück. Was bleibt? Die schnöde Welt der Organe und ein Triefeln. Leider ein Triefeln.
 
Biobibliographie
 
Rolf Schönlau
geboren 1950 in Paderborn, studierte Literaturwissenschaft und Psychologie in Berlin und München, lebt und arbeitet als freier Autor in Schlangen, NRW.
Von 1987 bis 1992 erschienen zahlreiche Übersetzungen der von ihm mitbegründeten Übersetzergruppe Leopardi & Eckstein: (u.a. Eugene O'Neill, Donald Barhelme, Stephen Dixon und Studs Terkel)
Veröffentlichungen:
Heißes Eisen, Verlag an der Este, Buxtehude 1990
Die Kaventsmänner, in: Zeit-Magazin Nr. 33, Hamburg 1995
Die Euro-Kids, Wienand Verlag, Köln 1998
Ohne Worte, in: Leselust, WDR 3 - Mosaik, Köln 1999
Das Verblendwerk, in: Sterz 82, Graz 1999
Das Haus-Kassa-Buch, www.archivedesalltags.de, ab 12/99
Vom Niemandsland zum Sperrgebiet, in: Claudio Hils, Red Land - Blue Land, ;Stuttgart 2000
 
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